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Witold Lutosławski

Orchesterwerke II (Sinfonische Variationen, Paganini-Variationen, Klavierkonzert, Sinfonie Nr. 4)

Louis Lortie, Edward Gardner, BBC Symphony Orchestra

Chandos/Note 1 CHSA 5098
(67 Min., 6/2011) SACD

Wer Schwierigkeiten mit „Neutönern“ hat, aber immerhin anerkennt, dass auch nach Mozart nicht nur Lärm komponiert wurde, der kann mit Lutosławski sogar Gefallen an den „Kakophonikern“ finden. Der 1994 verstorbene Doyen der polnischen Musik hat wie kaum ein anderer Tonsetzer der letzten Jahrhunderthälfte Vergangenes mit Gegenwärtigem versöhnt und seinen Werken nicht nur komplexe Strukturen (und frei-aleatorische Abschnitte), sondern auch Vitalität und Brillanz einkomponiert. Mit anderen Worten: Gehirn und Genuss sind bei Lutosławski keine Gegensätze. Manche Werke wie das Konzert für Orchester sind geradezu populär geworden. Aber auch die hier in der zweiten Folge der mustergültigen Lutosławski-Chandos-Reihe eingespielten sind keineswegs aseptische Klingklang-Glasperlenspiele für Eingeweihte. Die kurzen, mit Strawinsky- und Bartók-Anleihen versehenen sinfonischen Variationen des 25-jährigen Warschauer Studenten hielt dessen Lehrer Maliszewski 1938 für „hässlich“; gleichwohl ist das neoklassizistische Gesellenstück ein fulminantes Versprechen auf künftige Klangfarbenkünste. Die 1978 für Klavier und Orchester eingerichteten, ursprünglich (1939), für 2 Klaviere konzipierten Paganini-Variationen (über die 24. Caprice) mauserten sich bald zum beliebtesten konzertanten Kabinettstück des Polen. Das für Krystian Zimerman geschriebene und von diesem 1988 in Salzburg uraufgeführte Klavierkonzert wiederum wurde nicht nur das letzte, sondern auch vielschichtigste Opus in Lutosławskis reichhaltigem Konzert-Schaffen.
Der Frankokanadier Louis Lortie erweist sich einmal mehr als versierter Polystilistiker, der bei Beethoven ebenso zu Hause ist wie in der Moderne. Während er im Verbund mit den hellwachen BBC-Sinfonikern die Paganini-Variationen flott angeht und ihren brillanten Effekten nichts schuldig bleibt, kostet er im Klavierkonzert vor allem die verinnerlichten und kantableren Passagen aus, also jene Reminiszenzen an die großen Tastenzauberer von Chopin und Liszt über Brahms bis Rachmaninoff, die Lutosławskis Opus durchaus in die Tradition des romantischen Virtuosenkonzerts stellen. Zimerman arbeitet hingegen in der DG-Referenz unter der Leitung des Komponisten eher die heftigen, katapultartigen Einsprüche im Klavier-Orchester-Dialog und die von Lutosławski selbst so genannten „kapriziösen“ Motive heraus. Die vierte und letzte, 1993 uraufgeführte Sinfonie schließlich weist bei allen avangardistisch-bruitistischen Einschüben vor allem in den ersten drei Sätzen einen lyrischen, mitunter mahleresken Grundzug auf. Wer in der absterbenden Sologeige des Adagios allerdings einen Vorboten auf Lutosławskis ein Jahr später eintretenden Tod zu erkennen glaubt, der romantisiert zu viel: In den Schlagwerk-Kaskaden des kurzen Finales unterstreicht Lutosławski, dass er keineswegs der Alters-Trübsal verfallen war – Edward Gardner aber, sein höchst kundiger 38-jähriger Exeget, dafür umso mehr dem faszinierenden Ausdrucksspektrum des Achtzigjährigen.

Christoph Braun, 07.04.2012



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