Responsive image

Liberetto

Lars Danielsson

Act/Edel 1095202ACT
(55 Min., 6/2011)

Im Titel steckt kein orthografischer Fehler, sondern ein gewollter Neologismus. Der schwedische Star-Kontrabassist erklärt dazu im Covertext: „Diese Wortneuschöpfung bezeichnet eine bestimmte Stimmung, in der ich meine Musik entwickeln möchte. Es (sic!) […] betont die Freiheit, die ich in meiner Musik immer vermitteln möchte und die sie zu einem offenen Buch macht.“ Am besten hält man sich an den Schlüsselbegriff „Stimmung“ und an die Vorstellung von genau umzirkelten Abläufen, die ein sophistisch unaufbereitetes Libretto suggeriert. Mit Tigran aus Armenien, seinem neuen Partner am Klavier, dem e.s.t.-Schlagzeuger Magnus Öström, dem finnischen Trompeter Arve Hendriksen und dem britischen Gitarristen John Parricelli verwirklicht Danielsson eine Musik, die in zwölf Miniaturen unterschiedliche Aggregatzustände nordisch melodieseliger Melancholie entwickelt. Die Stimmen durchdringen sich gegenseitig, fügen sich zu warm klingenden Harmonien und atmen stets nostalgische Wehmut; scheu erheben sich virtuose kurze Soli, rhythmische Energie wird gelegentlich zum mitreißenden Impuls, Interaktion ist kalkulierte organische Organisation. Die Studiotechnik mit ihren Raum schaffenden Effekten ist eminent wichtig, da gibt es diskrete Celli-Obligati, und immer wieder aus verweht hallender Landschaft eine Trompete, die an das Sopransaxofon eines nordlichternden Jan Garbarek gemahnt. Dieses Liberetto ist ein „liber“ (Buch) mit einem weiten nostalgischen Sog, hat aber wenig zu tun mit „liber“ (pater), wie die Lateiner den Gott der Freude und Ekstase neben Bacchus auch bezeichnen.

Thomas Fitterling, 17.03.2012



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top