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Anton Bruckner

Sinfonien Nr. 7 E-Dur, Nr. 8 c-moll, Nr. 9 d-moll

Yannick Nézet-Séguin, Orchestre Métropolitain

ATMA/Musikwelt ACD 22512, ACD 22513, ACD 22514
(60 Min., 9/2006-6/2009)

Will ein 36-jähriger Kanadier mit einem gerade mal 30 Jahre alten kanadischen Orchester, zudem einem ehemaligen Studentenensemble, alle Bruckner-Sinfonien einspielen, dann provoziert das in Old Europe weit mehr Skepsis als Neugierde. Sehen sich doch hier, in den Gefilden altehrwürdiger philharmonischer Institutionen, Pultgrößen erst nach jahre-, mitunter jahrzehntelanger Vorbereitung in der Lage, einen derartigen Schwergewichts-Zyklus zu stemmen. Yannick Nézet-Séguin, seit 2000 Chef des Orchestre Métropolitain (des zweiten Hausorchesters der Opéra de Montréal) und baldiger Leiter des Philadelphia Orchestra, kümmert das wenig. Das, was man (europäische) Tradition nennt, lässt er scheinbar links liegen – und erweist sich doch, auf ganz eigenem Weg, als ihr Seelenverwandter. Dies zeigten schon seine bisherigen, seit 2006 eingespielten Sinfonien 7-9 und jetzt auch die neu vorgelegte „Romantische“ Nr. 4.
Im Unterschied zu seinem venezolanischen Generationsgenossen Dudamel stülpt er dem Linzer Eigenbrötler keinen Mantel hochemotionalisierter Aufgeregtheiten über, sondern orientiert sich ganz an Bruckners strukturellen und klanglichen Idiomen. Dieses Einfühlungsvermögen verblüfft und kann auch den begeistern, der zu Hause seinen Bruckner-Altar nur mit den bedeutungsschweren Exponaten eines Furtwängler, Knappertsbusch, Celibidache oder Thielemann bestückt. Nézet-Séguin hat, seinem Alter und dem seines Ensembles zum Trotz, nicht nur den Mut zur großen Langsamkeit (worin er nur noch von Celibidache übertroffen wird), sondern auch zu Bruckners Monumentalität. Wer sich traut, die ersten beiden Sätze der Vierten auf fast 40 Minuten, das Adagio der Achten gar auf eine halbe Stunde anwachsen zu lassen, der begibt sich nolens volens in die Gefahr, Stückwerk zu produzieren bzw., wenn es gut geht, „schöne“ Einzelepisoden aneinander zu reihen. Auch der junge Kanadier entgeht der Gefahr nicht ganz: Anstatt Bruckners Vorgabe „quasi allegretto“ zu beachten, modelliert er das Andante der Vierten fast zum stillstehenden Adagio. Wohingegen ihm die analogen Sätze der Siebten und Achten zu wahrlich feierlichen, gewichtigen (aber nicht übergewichtigen) Gesängen geraten, deren meditative Versenkung stets hochkonzentriert bleibt und deren organisch atmende Zäsuren durchgehend Aufmerksamkeit erzwingen. Vor allem aber bieten die Musiker (und Tontechniker!) aus Montreal ein Klangbild, das sich immer wieder vom kleinstteiligen Mosaik zum überwältigend sonoren Klangbad (mit vorzüglichen Bläsern) auswächst und den Hörer geradezu ins orchestrale Bruckner-Elysium führt. Den nicht ganz partiturgetreuen Beckenschlag der Siebten und die Manipulationen der Haas- bzw. Nowak-Partituren nimmt man da gerne in Kauf.

Christoph Braun, 03.12.2011



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