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Antonín Dvořák

Slawische Tänze op. 46 & op. 72

Yaara Tal, Andreas Groethuysen

Sony 88697 792122
(68 Min., 8/2010)

Manchmal ermüdet einen schon ein bloßer Titel, als wisse man, was nahezu unvermeidlich kommen müsse. Bei Dvořáks „Slawischen Tänzen“ ging es mir so. Allzu lange wurden sie über jenen breiten, ausgetretenen Weg geschleift, auf dem sie als schnatternd geschäftige, pseudofolkloristische oder melancholisch überpuderte Wunschkonzertmusik in den Kurmuscheln siegten, bis sie ihrem Schöpfer jene herablassende Etikettierung des „urböhmischen“, „urmusikantischen“ Instinktmeisters eingespielt hatten, die sein so reiches, meisterliches Schaffen bis heute überschattet: Es ist eine Illusion zu denken, diese in herablassendes Lob gehüllte Verachtungsfigur sei aus den gängigen Konzertführern verschwunden.
Aber fast ebenso sicher war ich, das Duo Tal & Groethuysen würde nicht jenen Weg widerstandsloser Gefälligkeit gehen. Schon Yaara Tals Bemerkungen im Booklet stecken den schmalen, klug gewählten Seitenpfad einer Erkundung ab, die diese 16 Sätze nicht bloß als stilisierte Tänze am Ende der Schubert- und Brahms-Ahnenreihe betrachtet, sondern als hochartifizielle Reflexionen über den Tanz und seine Verwandlung in reine Kunstmusik und hinaufweist in eine dünne Höhenluft fern den Dünsten der Wunschkonzerte.
Der Zugriff des Duos spiegelt diese Denkfigur auf feinnervige Weise.
Natürlich entziehen die beiden den Tänzen nicht ihren rhythmischen Elan, aber hört man etwa den Beginn der Nr. 4 („Sousedská“) mit der überraschenden Rücknahme des Themas, scheint dieser Schritt der „Entrückung“ in delikat kontrollierte Pianissimo-Räume der Musik ihre reflektierende Dimension aufzutun. Die Schlüsse, „Endprodukte“ jener zauberischen Verwandlung volkstümlichen Stoffes in bewegende, nachdenkliche Erinnerungsdestillate, gelingen hinreißend, etwa die „molto tranquillo“-Takte der Nr. 6 oder jenes kanonische Verlöschen der Nr. 7.
Trotz der gewollten, jeder böhmakelnd-anbiedernden Munterkeit ausweichenden Kühle ‒ oder vielleicht gerade deswegen – bohren sich Melodien wie der Beginn der wirklich herzzerreißenden Dumka in Des-Dur (op. 72/4) mit ihrer sehrenden Melancholie unauslöschlich ins Gedächtnis. Und so wundert man sich über den emotionalen Reichtum dieser Musik. Wie konnte man denken, sie sei harmlos?
Was Nikolaus Harnoncourt für die Orchesterfassung dieser Zyklen leistete, gelingt dem Duo Tal & Groethuysen: Sie geben uns diese Musik als große, gedankenreiche Kunstmusik zurück.

Matthias Kornemann, 12.11.2011



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