„Romanes eunt domus!“ möchte man auf (Monty Python‘s genial falschem) Latein ausrufen angesichts der zahllosen barock-antikisierenden Liebes- und Kriegsdramen, die in den letzten Jahren ausgegraben bzw. wieder zum Leben erweckt wurden. Und doch ist Vivaldis „Farnace“ etwas Besonderes. Sein Schöpfer arbeitete 14 Jahre lang von 1727 an bis zu seinem Tod immer wieder an dieser seiner Lieblingsoper um den (allzu) stolzen, von den Römern besiegten bosporanischen Königssohn, der nicht nur mit den fiesen Imperialisten, sondern auch mit seiner nicht minder fiesen Schwiegermutter Berenice, der machtgierigen Königin von Kappadokien, in fast tödlichem Clinch liegt – fast, denn natürlich gibt es ein lieto fine der Versöhnung und Rom-gnädigen Thronbesteigung des Titelhelden. (Im ersten vorchristlichen Kriegs-Jahrhundert wurde Pharnakes II. dieses Librettisten-happy-end bekanntlich nicht zuteil).
Vivaldis kompositorische Dauerbaustelle führte nicht nur zu sieben Fassungen; es existieren inzwischen auch ein halbes Dutzend Gesamtaufnahmen des work-in-progress (u.a. Jordi Savalls Venedig-Version von 1727); noch etliche mehr weist die zehnminütige Arie „Gelido in ogni vena“ aus der Pavia-Fassung von 1731 auf, die sich keine heutige Barock-Größe, ob im Sopran- oder Countertenor-Fach, auf ihrem Vivaldi-Recital entgehen lässt. Dass ausgerechnet dieses Juwel in der nun von Frédéric Delaméa rekonstruierten letzten (Ferrara-) Fassung von 1738 fehlt, konnte sein Kompagnon Diego Fasolis natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Ebenso wenig dessen Titelheld Max Emanuel Cencic, der die schmerzensreiche „Schattenarie“ mitsamt Zitat der „Inverno“-Eiseskälte (aus den „Vier Jahreszeiten“) als Anhang präsentiert. Und zwar auf eine Art, die sein Ausnahmekönnen umfassend unter Beweis stellt. Sein in allen Lagen ausgereifter, raumgreifender Countertenor ist inzwischen ein fulminant bühnentauglicher, der den Eskapaden einer Bartoli oder Genaux technisch wie ausdrucksintensiv durchaus Paroli bieten kann (und das piepsige Möchtegern-Image mancher Fachkollegen denkbar weit hinter sich lässt). Cencic ist „nur“ die Spitze von Fasolis maßgeschneiderter, auf allen Positionen glänzend besetzter Sängerriege, in der beispielsweise Ruxandra Donoses dunkel timbrierter Mezzo nicht minder begeistert wie der leichtgängige, gleichwohl affektgesättigte Tenor Emiliano Gonzales Toros. Dass nicht zuletzt auch Fasolis eigene, von seinen „Barocchisti“ gleichermaßen drastisch wie intim umgesetzte barocke Ausdruckskunst die drei „Farnace“-Stunden zu einem kurzweiligen Vergnügen macht, muss man eigentlich nicht mehr betonen.

Christoph Braun, 05.11.2011



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