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N° 1289
21. - 27.01.2023

nächste Aktualisierung
am 28.01.2023



Soviel ist sicher: Anna Netrebkos Kehle ist eine verlässliche Quelle wirklich edler, runder, warmer Töne. Sie produziert solche Töne nun seit vielen Jahren mit großer Stabilität, scheinbar unermüdlich. Das vorliegende Rezital mit live eingefangenen Arien und Szenen von der Met, aufgenommen zwischen 2002 und 2010, ist ein Beweis für die dauerhaft hohe Qualität, die Anna Netrebko zu bieten versteht.
Was allerdings ebenfalls ein weiteres Mal klar wird, ist, dass Anna Netrebko vor allem ein Klangwunder ist – wenn man sie nicht sieht, freilich; die visuelle Ebene (schauspielerische Leistung eingeschlossen) können wir hier nicht einbeziehen. Denn so warm ihre Stimme auch klingt: Sie pflegt einen gaumigen Ansatz, der nicht sehr deklamationsorientiert ist. Als Elvira („I Puritani“) punktet sie damit im mezza voce in der Arie „Qui la voce sua soave“ auf überzeugende Weise – man ist gebannt von einer geradezu Callas-haften Intensität. Dass sie allerdings als Zerlina in dem hübschen Liedchen „Vedrai, carino“ eigentlich genauso klingt, verwundert dann doch ein wenig; mädchenhaft ist das wohl kaum. Zur Mimí passt das Timbre wieder deutlich besser, weil der Stil ein anderer ist. Hier neigt auch der kritischere Hörer tendenziell wieder zum Dahinschmelzen, zumal Piotr Beczala in „O soave fanciulla“ ein ansprechender Rodolfo ist.
Aber dann die beiden Ausschnitte aus „Roméo et Juliette“ von Gounod – wieder dieser breite, dicke Klang, der sich mit der französischen Sprache gar nicht so recht verbinden mag. Für dieses Repertoire hat es in der Gesangsgeschichte des 20. Jahrhunderts einen anderen, leichteren, helleren und obertonreicheren Stimmtyp gegeben, den man nicht ganz vergessen kann, wenn man historische Einspielungen kennt. Bei allem Wohlklang, bei aller bewundernswerten Souveränität von Anna Netrebko bleibt für den Autor insgesamt daher der Eindruck: Die Rollen kommen zu Anna Netrebko, nicht sie zu ihnen. Frau Netrebko verwandelt sich die Partien an, und sie klingen aus ihrer Kehle alle sehr ähnlich. Sie ist keine Verwandlungskünstlerin, aber sie ist ohne Zweifel eine Diva.

Michael Wersin, 22.10.2011



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