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Siren

Uri Caine

Winter&Winter/Edel:Kultur W&W 910 177-2
(52 Min., 9/2010)

Der 59-jährige Komponist und Pianist Uri Caine ist ein Mann, der viele musikalische Felder bestellt. Als Begleiter des Trompeten-Tausendsassas Dave Douglas etwa beackert er eklektisch offen die Domäne des modernen Jazzklaviers, dann, in eigener Sache unterwegs, durchstreift er die klassische europäische Tradition und fährt dabei Ernten ein, die von der Kritik – wie im Falle seines Mahler-Projekts – überschwänglich als dekonstruktivistische Adaptionen gefeiert werden. Auf dem vorliegenden Album spielt er – man darf es für Hardcore-Jazzer als Entwarnung vorausschicken – akustischen Pianotrio-Jazz ohne Wenn und Aber. Bis auf den Standard „On Green Dolphin Street“ stammen alle Titel aus Caines Feder. Los geht es mit einer Nummer, die trotz einer schwindelerregenden Abfolge unterschiedlicher Metren kräftig groovt. Mit dem Kontrabassisten John Hébert und dem Schlagzeuger Ben Perowsky hat Caine auch zupackende und instinktsichere Begleiter zur Seite. Latin- und Funk-Grooves übersetzen sie in tänzelnden Swing, und Swing buchstabieren sie mit den Lettern des Funk-Morse-Alphabets. Auch als Mahler-Verehrer ist Caine kein Vertreter der neuen Piano-Innerlichkeit. Seine rechte Hand ist geläufiger Virtuosität nicht abgeneigt, pflegt die energische Aussage. Die unterstreicht eine aktive linke Hand; fast drängen sich da mitunter die verdichteten Akkordfortschreitungen oder Kontrapunkte. Eine sensible Programmabfolge dieser „live-to-analog-two-track“ Einspielung verhindert, dass die Verdichtungen als solche den Höreindruck überwuchern. Offene balladeske, ganz auf das interaktive Zuhören abgestellte Sequenzen sorgen für Momente ruhigen Entdeckerglücks. Ein Schelm, wer da von einer ins Beliebige spielenden akustischen Klavier-Bass-Schlagzeug-Aufnahme sprechen wollte; „Siren“ ist ein verlockender und frohlockender Beitrag zu einer imaginären Festschrift auf eine nicht auszureizende Idealbesetzung des Jazz.

Thomas Fitterling, 20.08.2011



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