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Ivresses

Michel Godard

Yellowbird (Enja HW)/Soulfood yeb-7718
(58 Min., 5/2010)

Die Magie der Musik wird immer wieder in Analogien zu Geschmacks- und Dufteindrücken beschrieben. Diese Sinneswahrnehmungen ihrerseits rufen beim Genießer oft musikalische Assoziationen hervor. In der ehemaligen Zisterzienser-Abtei von Noirlac, einem Kulturzentrum in Zentralfrankreich, wurde diese Wechselbeziehung zu konkreter Begegnung. Michel Godard, Tubist, Serpentspieler und E-Bassist, der Marimba- und Vibrafonist Franck Tortiller und der Schlagzeuger Patrice Héral kosteten dort im letzten Jahr zusammen mit Roberto Petronio, einem führenden Weinkenner Frankreichs, eine Woche lang edle Tropfen und entwickelten zu ihnen charakterverwandte Kompositionen. Am Ende stand ein Konzert mit entsprechender Dégustation.
Parallel zur Probenarbeit entstand die vorliegende CD. Gemäß ihrem Titel besingt sie sinnenrauschhafte Erkenntniserfahrung. Bemerkenswert, dass die Musik über weite Strecken an Hervorbringungen der 70er Jahre erinnert, an den Vibrafonisten Stomu Yamashta oder an Double Image mit David Friedman und Dave Samuels. Michel Godard jedenfalls schafft mit häufig ostinaten E-Basslinien, die explizit auf die Renaissance-Musik Bezug nehmen, durchgängig Grundierungen, die Franck Tortiller zu klarer Melodieseligkeit anregen, die erdiger Souligkeit weit entrückt ist. Godard selber spielt dazu immer wieder mit einer nahezu flötenhaften Eleganz den Serpent, dieses historische Bassblasinstrument mit dem schlangenförmigen Holzkorpus und dem elfenbeinernen Blechbläsermundstück. Dann wieder deutet er auf der Tuba die E-Bass-Linien in neuer Farbigkeit weiter aus. Zu all dem zaubert Patrice Héral leichtfüßige Rhythmen auf dem Drumset und setzt an verschiedenen Stellen Tupfer mit ergänzender Perkussion oder diskreten elektronischen Effekten. Die durchziehen auch einen angeregten siebenminütigen spontanen Diskurs über Wandlungen des Weinbaus in der Languedoc im typischen Französisch dieser Region. Dieser Track ist eine önologische Trouvaille, aber eine harte Nuss fürs Hörverstehen, zumal das Booklet keinerlei Hilfe anbietet – oder ist er schlicht als musique concrète gemeint? Jedenfalls unterbricht er schnöde die seligen Sinnesräusche – schade.

Thomas Fitterling, 06.08.2011



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