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Pierre Boulez

Pli selon Pli

Christine Schäfer, Ensemble Intercontemporain, Pierre Boulez

Deutsche Grammophon 471 344-2
(69 Min., 1/2001, 2/2001) 1 CD

Trotz "Répons", trotz des in letzter Zeit allzu hoch gelobten "Sur Incises" (siehe Rezension) - "Pli selon Pli" ist noch immer das Opus magnum des weise gewordenen Bilderstürmers Pierre Boulez. Er, der beständig an seinen Werken feilt, sich selten mit einer Version zufrieden gibt, ließ sich über dreißig Jahre Zeit, um "Pli selon Pli" zu vollenden. Im Grunde liegt das Werk seit 1962 vollständig vor, doch beschäftigte es Boulez bis 1989, dem Jahr der letzten Revision und endgültigen Fertigstellung. Diese definitive Fassung wurde nun erstmalig eingespielt.
Das Porträt des Dichters Mallarmé, das sich in dem fünfsätzigen Werk "Falte um Falte" ("Pli selon Pli") enthüllt, ist ebenso ein Selbstporträt des Komponisten anhand der ihm während der Arbeit zur Verfügung stehenden technischen Mittel. Rein musikalisch bedeutet "Pli selon Pli" eine Abkehr von der trocken-rigiden Klangsprache der "Structures" ebenso wie von der miniaturhaften Form des "Marteau sans maître", hin zu großzügigeren Konzepten und einer fließenderen, fasslicheren Tonsprache.
Zudem erprobt Boulez anhand fünf Gedichten Mallarmés die verschiedenen Möglichkeiten der Textvertonung sowie der gegenseitigen Beeinflussung von Text und Musik: In den beiden orchestralen Rahmensätzen "Don" und "Tombeau" bestimmt der Inhalt des Gedichts zwar die Musik, tritt aber kaum als Text in Erscheinung, während die drei kammermusikalischen zentralen "Improvisations sur Mallarmé" ausführliche Auseinandersetzungen mit der Sprache Mallarmés darstellen, in der Boulez eine große Verwandtschaft zu seiner eigenen geistigen Welt sieht.
Man mag Mallarmés symbolhafte Sprache für ebenso hermetisch halten wie die Musik von Boulez, und "Pli selon Pli" ist keineswegs ein Werk, das seine Schönheiten beim ersten Hören bereitwillig präsentiert. Doch man höre zu Beginn mit Konzentration den ersten Satz, "Don", in der die Welt des Dichters wie des Komponisten langsam und liebevoll vor uns aufgebaut wird, und arbeite sich dann langsam vor bis zu "Improvisation sur Mallarmé III", dem statuarischen, ritualhaften und exotischen Herzstück des Werks: Dann wird man feststellen, dass Boulez in der ihm eigenen kühlen Ästhetik den Weg fortschreitet, den Debussy und Messiaen vorgezeichnet haben - und außerdem, dass das Gerede von der Seelenlosigkeit der Musik jener Zeit blanker Unsinn ist oder zumindest auf "Pli selon Pli" nicht zutrifft.
Die neue Aufnahme darf als Referenz bezeichnet werden, nicht nur wegen der Wahl der endgültigen Version, sondern auch aufgrund Boulez' entspannteren Dirigats und wegen des im Vergleich zur Einspielung mit dem BBC-Sinfonieorchester (Erato) überragenden Klangbilds. Außerdem steht Boulez mit dem erweiterten Ensemble Intercontemporain ein Orchester zur Verfügung, das nicht erst mühsam zur Moderne motiviert werden muss, sondern dem diese Musik so nahe steht wie Beethoven den Berliner Philharmonikern. Und als Krönung meistert Christine Schäfer den schwierigen Gesangspart mit beinahe soubrettenhafter Leichtigkeit - unverkrampft, verspielt, souverän.

Thomas Schulz, 02.05.2002



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