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Johannes Brahms

Klaviersonaten Nr. 1 & 2

Alexander Melnikov

harmonia mundi HMC 902086
(69 Min., 5/2010) SACD

Claudio Arrau sagte einmal, der Anfang der fis-Moll-Sonate des jungen Brahms sei eine unglaubliche Herausforderung an die Welt. Die schwer einzufangende, maßlose Vehemenz dieses den Spielern oft missratenen Werks wirkt im abgedeckteren historischen Klangbild noch irrealer als auf dem modernen Flügel. Aber Alexander Melnikov gelingt ein paradoxes Meisterstück. Je mehr er die herausfordernden Kraftgesten forciert, wirkt es, als lasse er Brahms orchestrale Vision gegen die Kerkermauern eines beschränkenden Instrumentes antoben. Und gerade aus diesem Widerspruch heraus scheint das über alle Grenzen des klanglich realisierbaren hinausdröhnende Stück auf dem Bösendorfer von 1875 mehr von seinem Wesen jugendlicher Unbändigkeit auszustrahlen als in nahezu allen Versionen, die ich kenne. Anderseits entfalten sich jene Elemente des Klaviersatzes, die auf dem modernen Flügel schnell komisch-betriebsam und ungelenk wirken, so das motorenhaft schnurrende Thema des Finales der C-Dur-Sonate, organischer aus dem abgedeckteren historischen Klang heraus. Aber Melnikovs zupackende, freie Lesart bezwingt ganz unabhängig von der Frage nach historischen oder modernen Klangbildern. Sie findet unter all dem jugendlichen Überschwang der Ecksätze doch manches Unerhörte, dessen Beschreibung in eine mikroskopische Welt leiten mag. Da entdeckt er im ersten Satz des Opus 1 selten beachtete Akzente auf den Pfundnoten, die sich in der Mittelstimme des Seitenthemas ausbreiten und macht leicht desynchronisierte Glockentöne daraus – Bezauberndes an der Wahrnehmungsgrenze. Man darf es überhören, aber aus solchen niemals eitel zelebrierten Winzigkeiten wächst großes, verdichtendes Musizieren heraus.

Matthias Kornemann, 07.05.2011



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