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Somewhere Meeting Nobody

Jochen Rückert

Pirouet/Edel 1018055POU
(57 Min., 11/2010)

Die Klage über die Schwächen europäischer Schlagzeuger ist ein aus der Vergangenheit sattsam bekanntes Leitmotiv in Äußerungen amerikanischer Musiker. Wenn also der aus Düren stammende Schlagzeuger und Komponist Jochen Rückert, Jahrgang 1975, seit 1998 in New York lebt und dort mit den Großen des Jazz arbeitet, sagt das mehr über die Qualität dieses Musikers als irgendwelche Preise, auf die er natürlich auch verweisen kann. Jetzt hat er bei Pirouet zum ersten Mal ein Album veröffentlicht, zu dem er fast alle Stücke selber geschrieben hat. Bisher war er als Komponist – unter Pseudonym – nur mit "verqueren Electro-Sachen" (Rückert) in Erscheinung getreten, Dinge also, die man mit seinem feinnervigen Jazz-Schlagzeugspiel kaum in Verbindung bringt.
Die neun Stücke, die er mit seiner New Yorker Working Band aus Mark Turner (Saxophon), Brad Shepik (Gitarre) und Matt Penman (Bass) eingespielt hat, lassen mit den Mitteln des aktuellen Mainstreams jetzt zu melodisch harmonischen Strukturen gerinnen, was mit Rückerts Schlagzeugspiel und dessen lakonischer Feinheit korreliert. Es ist diese federnde Leichtigkeit aus der Kenny Clarke/Billy Higgins-Tradition, mit der er die Komplexität eines Tony Williams in eine gruppenintegrierte Subtilität wendet. Der Wille zur dynamischen Zurückhaltung geht auf dieser CD so weit, dass die Abmischung das Schlagzeug sehr in den Hintergrund rückt und dem obertonreichen, hell sprühenden Originalklang der Becken und der Snare eine Brillanz reduzierende Dämpfung angedeihen lässt. Schade, denn der vitale Eindruck der Musik wird so etwas geschmälert. Eigentlich ist sie von großer Aussagekraft, und ihre Verehrung des zweiten klassischen Miles-Davis-Quintetts schränkt ihre Eigenständigkeit nicht ein – so scheint in den Beiträgen Mark Turners immer wieder die Weisheit Wayne Shorters auf. Der Gruppensound der Band jedoch ist Rückertsche Verhaltenheit, er wird unterstrichen durch den weichen Sound der Gitarre, die jedoch nicht nur poetisch, sondern durchaus auch zupackend erklingt. In der Tiefe verankert wird der Klang der Gruppe meisterlich durch den Kontrabassisten; mit wachem Ohr folgt er jeder Bewegung und ist doch die Coolness selbst. Das Album markiert eine Wendemarke in Rückerts Schaffen.

Thomas Fitterling, 30.04.2011



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