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Concinnity

Ulrich Drechsler

Enja/Edel 1097042 EJH
(51 Min., 11/2009)

Ein Album-Titel in gelehrtem Englisch, gesetzt in quasi mittelalterlicher Fraktur, dazu eine Kohlezeichnung des Komponisten und Bandleaders, die an religiöse Gegenständlichkeit gemahnt; und schließlich die ungewohnte Besetzung mit einer Bassklarinette, zwei Celli und einem Schlagzeug: Da droht die Hörerwartung in Richtung mythischer Tümelei oder abgedrehten Avantgardismus zu gehen. Doch schon mit den ersten Takten der Musik verfliegen solch böse Ahnungswolken. Der Klarinettist und Saxophonist Ulrich Drechsler ist ein Schwabe, den es nicht in die deutsche Hauptstadtszene gezogen hat – dort sind die Bläser ja irgendwie immer noch dabei, sich an Preußens Abgesang abzuarbeiten –, nein, Drechsler ist nach Wien gegangen, wo die Magie des Charmes und der Gelassenheit der untergegangenen Vielvölker-Donaumonarchie insgeheim noch virulent ist. Als Lounge-Jazzer wurde er einst bekannt. Jetzt hat er sich einen Herzenswunsch erfüllt und seine Lieblingsinstrumente Bassklarinette und Cello zusammengebracht. Er folgt dabei der Maxime, dass die Musik Geschichten erzählen müsse und dabei den Zuhörer mitzunehmen und auf gute Weise zu unterhalten habe. Elf Titel hat Drechsler für sein Album ausgewählt. Man kann sie als Kurzgeschichten, Fabeln oder Stimmungsbilder deuten. Stets ist ihre Textur durchgestaltet. Mal ist gleichsam die Bassklarinettenstimme der Faden und die beiden Celli bilden den Schuss, mal ist es umgekehrt. Immer sorgt dabei das Schlagzeug des Ausnahmemusikers Jörg Mikula wie bei einem Jacquard-Webstuhl für ein vielfältig strukturiertes Gewebe. Rina Kaçinari, Mikulas kosovo-albanische Ehefrau, sorgt an ihrem Cello für kraftvoll vitalen Tiefen-Druck, während ihr Pendant Christof Unterberger mitunter fast Stéphane-Grappelli-haftes Jubilieren beiträgt. Manches erinnert an Manu Katchés ECM-Einspielungen oder an neuere Hervorbringungen Aldo Romanos; ganz von ferne grüßt auch Niklas Simion. Dennoch hat Drechsler mit "Concinnity" eine höchst eigenständige Ensemblesprache entwickelt, die zudem im besten Sinne stimmungsvoll eingängig und unterhaltsam ist. Der ausgedehnte Einsatz riffender Ostinati allerdings mag auf die Dauer auch etwas ermüdend wirken.

Thomas Fitterling, 04.12.2010



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