Gleich drei "Tosca"-Produktionen auf DVD sind in den letzten Wochen erschienen. Und verdeutlichen einmal mehr, dass gerade bei den Mitschnitten von Opernaufführungen oft ohne Sinn und Verstand veröffentlicht wird. Der Markt wird mit Neuheiten überschwemmt, ohne dass es eine künstlerische Rechtfertigung dafür gäbe. Die liegt im Fall der ältesten der drei Produktionen vom Dezember 1978 einzig und allein bei Luciano Pavarotti at his very best. Der Tenor singt hier zum Niederknien schön, aber das könnte man eigentlich auch auf einer CD genießen, da sein Spiel wie üblich nicht über Arme-ausbreiten-und-wieder-zurück-zum-Körper-Führen hinausgeht. Seine Partnerin in dieser durch und durch traditionellen MET-Aufführung ist Shirley Verrett, die im ständigen Kampf mit der Partie steht, und diesen nur selten gewinnt. Warum diese phantastische Mezzosopranistin an einem bestimmten Punkt ihrer Karriere meinte, unbedingt auch Sopranpartien in Angriff nehmen zu müssen, bleibt ihr Geheimnis. Einen Gefallen hat sie sich und ihrem Publikum damit nicht getan. Natürlich verfügte sie immer über eine gute und sichere Höhe, aber es ist ein Unterschied, ob sie damit als Mezzo fulminante Spitzentöne setzen kann oder als Sopran in einer auf Dauer unbequemen Tessitura singen muss und sich dazu noch ihres sinnlichen Timbres beraubt. Cornell MacNeil ist ein durchaus beeindruckender Scarpia, auch wenn seine beste Zeit hier schon hinter ihm liegt. Die Bildqualität der DVD ist miserabel, und auch der Ton lässt zu wünschen übrig.
Aus der Arena di Verona stammt der nächste Mitschnitt, Puccinis Oper gehört dort zu den meistgespielten Werken, obwohl die räumlichen Gegebenheiten nicht gerade ideal sind für ein Kammerspiel wie "Tosca". Auch hier ist es wieder der Tenor, der rundherum beglückt. Marcelo Álvarez war im Sommer 2006 in berückender vokaler Verfassung: Die Stimme verfügt über Schmelz, heldische Kraft, lyrische Geschmeidigkeit, sauberes Piano und sichere Höhe. Als Floria Tosca steht ihm Fiorenza Cedolins zur Seite, mit großem Vibrato und eher uninteressanter Allerweltsstimme kommt sie zwar mit der Partie weitgehend zurecht, doch eine fesselnde Titelheldin hört sich anders an. Zumal Signora Cedolins sich gelegentlich sehr in der Rolle eines ordinären Fischweibs zu gefallen scheint. Für Ruggero Raimondi gilt Ähnliches wie für seinen Kollegen an der MET, die Stimme ist nicht mehr die, die sie einmal war, dafür punktet er mit darstellerischer Präsenz. Etwas ungünstig eingefangen sind die Gesangsstimmen, die Mikrophone standen wohl am oberen Ende des Orchestergrabens, wodurch sich eine gewisse klangliche Distanz ergibt. Dafür ist das Bild gestochen scharf.
Womit wir wieder zurück zur MET kommen, dort hatte die inzwischen auch in München gelandete Koproduktion im Herbst 2009 Premiere. Hier erlebt man die einzige der drei Versionen, die einen auch als Drama packt und mitreißt, was der exzellenten Personenregie von Luc Bondy zu verdanken ist. Und einer Interpretin der Titelrolle, die sie wirklich – wie es sich gehört – in den Mittelpunkt des Geschehens und Interesses rückt. Karita Mattila ist die mit Abstand souveränste der drei Sopranistinnen (wenn auch nicht über alle Kritik erhaben): Wie sie Stimme und Spiel zu einer wahrlich aufregenden Interpretation zusammenfügt, ist schon sehens- und hörenswert. Ich frage mich allerdings, welcher Frauenhasser ihr die schwarze Perücke und das schlechte Makeup verpasst hat.
An Marcelo Álvarez' Stimme sind die drei Jahre zwischen Verona und New York leider nicht spurlos vorüber gegangen. Zwar ist die Gesamtleistung immer noch mehr als respektabel, aber der Argentinier muss jetzt viel mehr Kraft aufwenden, wodurch es an Geschmeidigkeit und Eleganz fehlt, und den Piano-Bereich weitgehend ausklammern, nur vom Mezzoforte an spricht die Stimme sicher an, ein untrügliches Zeichen für vokale Blessuren. George Gagnidze als Scarpia schließlich kann als einziger der drei Baritone stimmlich aus dem Vollen schöpfen, was er hier und da auch ein wenig exzessiv tut, und trägt seinen Teil dazu bei, dass man hier einen spannenden Opernabend mit einem hochkarätigen Hauptdarsteller-Terzett in sehr guter Bild- und Tonqualität genießen kann.

Verrett/Decca (2 Punkte)
Cedolins/Arthaus (3 Punkte)

Michael Blümke, 27.11.2010



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