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Johannes Brahms

Sinfonie Nr. 4 u.a.

Orchestre Révolutionnaire et Romantique, Monteverdi Choir, John Eliot Gardiner

Soli Deo Gloria/harmonia mundi SDG 705
(70 Min., 10/2008)

Es ist vollbracht. Mit der Einspielung der vierten Sinfonie bestätigt sich, dass John Eliot Gardiners Brahms-Zyklus der wichtigste seit mindestens zwanzig Jahren sein dürfte: Gardiners Prinzip, die Verwurzelung Brahms’ in der deutschen Musiktradition nicht nur durch seine Interpretation, sondern auch durch die Kombination mit Chor- und Orchesterwerken von Bach bis Mendelssohn zu zeigen, bewährt sich erneut. Bezugspunkt ist diesmal neben Beethovens "Coriolan"-Ouvertüre und (von Brahms selbst aufgeführten) Chorschnipseln von Schütz und Gabrieli natürlich der Teil der Bach-Kantate "Nach Dir Herr, verlanget mich", der Brahms zum Finale der Vierten inspirierte – klar, dass Gardiner die themengebende Basslinie dieser Chaconne besonders herausstreicht. Entscheidend ist jedoch, dass diese Schau von Musikbeispielen (die ja schnell oberlehrerhaft wirken könnte) am Ende tatsächlich in einer Interpretation der Vierten zusammenfließt und die nervöse Spannung der "Coriolan"-Ouvertüre in den überraschend schnell genommenen Kopfsatz der Vierten überzuschwappen scheint. Bei Gardiner herrschen eine Klarheit und ein eiserner Zugriff, die oft an Toscanini denken lassen – und statt melancholischer Opulenz hört man, wie in Brahms’ Sinfonien klassische Form, barocke Kontrapunktik und romantisches Sehnen zusammenfließen. Das ist nicht die Musik eines greisen Rauschebarts, sondern eines Komponisten im Unruhestand, der seinen schöpferischen und emotionalen Überschwang etwa im Finale durch die Wahl der strengstmöglichen Grundform fast gewaltsam zügeln muss. Und der noch Ideen genug für die nächsten fünf Sinfonien gehabt hätte.

Jörg Königsdorf, 27.11.2010



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