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Rétro

David Friedman, Peter Weniger

Skip Records/Soulfood SKP 9097
(52 Min., 11/2009 & 2/2010)

Wer eine Platte "Rétro" nennt, der provoziert in einer Welt, die nach Neuem und Fortschritt giert. Aber vielleicht sind die Entschleunigung und der Genuss von Melodien und Harmonie ein Schritt nach vorn? Der Vibraphonist David Friedman und der Tenorsaxophonist Peter Weniger führen behutsame Dialoge, wobei ihnen die steinalten Nummern "Emily", "Body and Soul", "If I Were a Bell", "Oh Grande Amor", "So in Love" und "The Boy Next Door" sowie das eigene "Two for the Road" den Gesprächsstoff geben. Sanft und aufmerksam umgarnen sich die Melodien der beiden. Sie greifen ineinander, sie reagieren auf Themenvarianten des anderen, geben eine Antwort, indem sie die Vorgabe aufgreifen, ignorieren oder ihr widersprechen. Sie setzen sich auch über die Phrasierungen hinweg, die sich aus den Texten der Standards ergeben würden. Sie kosten alle Möglichkeiten aus, die sich aus den Melodien ergeben. Dabei steht mal das Saxophon im Vordergrund, während das Vibraphon eher grundiert. Oder die Verhältnisse drehen sich um. Dann bläst Weniger zurückhaltende Linien als Hintergrund für perkussive Höhenflüge Friedmans. Beide verbindet, dass sie die Klangfacetten ihrer Instrumente ausschöpfen, so dass Friedman den glockenhellen, impulsschnellen Schlägen auch weiche, hallreich verwehende entgegensetzt oder Metallplatten eher dunkel und verhalten schwingen lässt. Von Saxophonisten erwartet man eher derartigen Nuancenreichtum. Weniger verfügt tatsächlich über ein immenses Spektrum an Farben, das von verhaltenen Sounds, bei denen man meint, Lufttropfen schwingen zu hören, bis zu strahlend klaren, festen Tönen reicht. Kaum merklich kann er an der Grenze des Hörbaren im Hintergrund schnurren und dann wieder mit wunderschönen Melodien ins Zentrum rücken. Die beiden brauchen keine raschen Tempi, um Spannung zu erzeugen. Die sensiblen Zwiegespräche gehen auch so unter die Haut.

Werner Stiefele, 13.11.2010



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