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Peace Pipe

Ben Allison

Palmetto/Sunnymoon PM 2086
(51 Min., 3/2002) 1 CD

Der Bassist Charles Mingus machte zwischen den Proben und öffentlichen Auftritten seiner Gruppen ebenso wenig Unterschied wie zwischen festen und sporadischen Mitgliedern. Er hatte nichts dagegen, wenn Teilnehmer seiner Workshops nach ein paar Wochen ihr Bündel schnürten und weiterzogen. Wenn die Chemie aber stimmte, durfte so mancher Musiker über Jahre hinweg unter seiner strengen, aber inspirierenden Fuchtel über sich selbst hinauswachsen.
Beim Bassisten Ben Allison, Jahrgang 1966 und damit zwei Generationen jünger als Mingus, liegen die Dinge ähnlich: Als langjähriger Leiter des Jazz Composers Collective, als dessen Haus- und Hauptkomponist er schon über hundert Werke verfasst hat, schart er um sich ein Kernpersonal, das in wechselnden Kombinationen im Raum New York auftritt und Platten für verschiedene Firmen aufnimmt und zu dem immer mal wieder neue Namen kommen.
Die Mitwirkung des Kora-Spielers Mamadou Diabaté (anstelle eines Trompeters) ist die stille Sensation dieses fast unscheinbar daherkommenden Albums. Einen westafrikanischen Harfenspieler in das Ensemble zu integrieren, stellt viel weniger einen Bruch mit der Jazz-Tradition dar, als es 1957 die Verpflichtung einer klassischen Harfenistin für eine Aufnahmesitzung von Kenny Dorham war ("Jazz Contrasts"). Ben Allison ist es stellenweise sogar gelungen, die Klänge seines gezupften Basses (mit einem Stück Pappe als Plektrum) und des Klaviers (mittels Cage'scher Präparation) zu "afrikanisieren".
Zu dem Quintett, das die nunmehr vierte Aufnahme Allisons als Leader bestreitet, gehören außerdem der Saxofonist Michael Blake, der mit Allison als Bassist das hochinteressante Taschen-Orchester-Album "Drift" aus dem Handgelenk geschüttelt hat, und der Pianist Frank Kimbrough, der sich im "Herbie Nichols Project", dessen Co-Leiter wiederum Allison ist, um die Kompositionen einer Klavierlegende verdient macht. Der Tenorist Peter Apfelbaum und der Cellist Tomas Ullrich erweitern die Gruppe auf zwei Titeln zum Septett.
Das kluge Wort, nach dem Tradition eben nicht heißt, die Asche aufzuheben, sondern die Glut weiterzutragen, bewährt sich hier aufs Schönste: Wenn der Bassist auch vom Ton her an Mingus anknüpft, könnten die Rhythmen ebensowenig diejenigen der fünfziger Jahre sein wie die Soli. Aber der Geist, in dem Mingus musizierte, lässt sich durchaus herbeizitieren. So blitzt gelegentlich sogar ein Funke der Mingusschen Intensität, der inneren Glut auf, die selbst die coolste Musik besitzen muss, wenn sie uns das Herz wärmen will.

Mátyás Kiss, 03.10.2002



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