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Ludwig van Beethoven

Streichquartette op. 18/1 und op. 127

Artemis Quartett

Virgin Classics/EMI 628 659-0
(60 Min., 5&6/2010)

Seltsam. Obwohl man das Werk doch kennt, zur Genüge sich mit ihm beschäftigt hat, hört man es und staunt. Immer wieder aufs Neue frappiert die kühn-kecke Grandiosität dieses ersten Entwurfs für die Gattung aus des Komponisten Feder. Nur ein Titan vermochte dergleichen. Einer wie Beethoven. Sein F-Dur-Streichquartett op. 18/1 ist ein Meilenstein der Musikgeschichte. Und zugleich ein Akt der Zertrümmerung, eine Art ästhetischer Vatermord. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen sitzen. Haydn und Mozart werden nachgerade suspendiert, obschon er doch alles von ihnen weiß und hat. Nur nutzt Beethoven es, um sie zu vertreiben aus jenem Raum, den er nun öffnet; einen Raum, der vor allem aus Kanten, Rissen, Brüchen und Akzenten besteht, die so oder ähnlich nur einer neben ihm wagte: Schubert. In zahlreichen Wiedergaben sind diese Kanten, Risse, Brüche und Akzente nivelliert, zugunsten eines frei strömenden Melos. Nicht aber beim Artemis Quartett, das nun bei der fünften Nummer seines Beethoven-Zyklus' angelangt ist. Geradezu körperlich ist der Klang der vier Streicher, intensiv, irrlichternd, nach vorne treibend, unruhig, rau. Selbst im Adagio affettuoso ed appassionato bebt der d-Moll-Boden, sind die Forte-Einwürfe nichts anderes denn Störmanöver und erinnern die Spannungspausen und Attacken an Schuberts Ausbrüche. Von dieser Schroffheit, die selbst im federnden Scherzo einen erdigen Klang erzeugt und im finalen Allegro zumal die metrischen Inkohärenzen der Partitur betont, den Widerspruch zwischen geradem Puls und plötzlicher Beschleunigung – von hier aus ist der Weg gar nicht einmal so weit, wie man denken sollte, zum späten, querständigen Streichquartett op. 127. Und darin liegt die hohe Kunst dieser Interpretation – und nicht nur dieser. Beethoven generell klingt bei den Artemisianern immer nach Arbeit (ja, irgendwie auch nach Schweiß), nach (polyphoner) Durchdringung der Form, nach stringent vermittelter Prozesshaftigkeit. Doch keine Angst, die sehnsüchtige Melancholie Beethovens, die immer in ihm wohnt, sie kommt deswegen nicht zu kurz. Das Adagio ma non troppo, molto cantabile – wir wollen es einmal den langsamen Satz der Hammerklaviersonate für Streichquartett nennen – spinnt seine Fäden in epischer Weite aus, dabei die harsche Tritonus-Spannung zwischen As-Dur und E-Dur und die zwischen 12/8- und 4/4-Takt bis zum Letzten ausreizend. Das Zerklüftete des Werkes wird evident, damit seine zeitlose Modernität. Und das ist absolut beeindruckend.

Jürgen Otten, 30.10.2010



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