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Sergei Rachmaninow, Peter Iljitsch Tschaikowski

Klavierkonzerte

Nikolai Tokarev, Russisches Nationalorchester, Vladimir Spivakov

Sony Classical 88697 73838-2
(81 Min., 5/2010) 2 CDs

Manche Erinnerungen verblassen nie, im Leben nicht, und auch nicht in der Kunst. Wie zum Beispiel jene Schallplatte, auf der Vladimir Horowitz an der Seite des RCA Victor Symphony Orchestra unter Fritz Reiner das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow spielte. Das war 1951. Eine unglaubliche Aura wohnte dieser grandiosen Interpretation inne. Seinerzeit, als man jung war, verlieh man ihr sogar, etwas voreilig, göttliche Züge. Zum Glück war Horowitz kein Gott (er war ein begnadeter Pianist und Entertainer und als Mensch wohl doch einigermaßen seltsam), und so muss kein Pianist unserer Zeit sich davor fürchten, es mit einem höheren Wesen aufzunehmen. Vor allem nicht, wenn er Nikolai Tokarev heißt. Wir geben zu, wir haben ihn anfangs, als er mit Chopins zweiter Klaviersonate aus den Studios herauskam, unterschätzt, haben seine exquisite Musikalität für eine Chimäre gehalten, für leicht gekünstelt und ausgestellt. Wie sagt der Lateiner? Errare humanum est. Das sei hiermit bekannt und gebeichtet. Und gleich hinzunotiert: Dieser Pianist ist in seiner Generation eine Ausnahmeerscheinung. Er ist ein extrem nachdenklicher (Frei)Geist, ein intelligibler Künstler, der in jeden Winkel des Werkes, das er gerade spielt, hineinleuchtet, der selbst leichteste Beben, winzigste Vibrationen aufnimmt. Seine Aufnahme des d-Moll-Konzertes von Rachmaninow (mit dem fabelhaft disponierten, von Vladimir Spivakov mit Finesse d'esprit dirigierten Russischen Nationalorchester) beweist es. Tokarev, das wird hier zur Gewissheit, erkennt das Balladeske des Werkes, sein episches Potenzial, und vor allem: das Lyrische. Und dies beileibe nicht nur im (fast ausschließlich) schwerelosen Adagio-Intermezzo. Schon das Hauptthema des Kopfsatzes ist bei Tokarev so luftig, so leicht und luzide wie eine Feder, und so lange hält er es in der Schwebe, dass man als Hörer beinahe geneigt ist, abzuheben, mitzufliegen zu irgendwelchen Sternen. Tokarevs Spiel kennt freilich auch die nötigen Härten. Aber im Ganzen ist es doch voll und ganz der Poesie verpflichtet, der Schönheit der Welt, und insbesondere jener tiefen (von Rachmaninow selbst erfahrenen und in Musik gesetzten) Sehnsucht, die alle Menschen umgreift, und die so selten nur noch Realität zu sein (und zu werden) scheint. Dafür also (und auch für die sensible Deutung des b-Moll-Konzerts von Tschaikowski auf der zweiten CD) an dieser Stelle ein innigliches Dankeschön. Und es bleibt die Gewissheit, dass auch diese Aufnahme den Status der nie verblassenden Erinnerungen erlangen wird, und dass man dereinst, im hohen Alter, davon schwärmen wird.

Jürgen Otten, 18.09.2010



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