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Ludwig van Beethoven

Werke für Violoncello und Klavier, Vol. II

Daniel Müller-Schott, Angela Hewitt

Hyperion/Codaex CDA 67755
(71 Min., 3/2009)

Man stellt sich vor, dass die Schnittstellen der Musikgeschichte von Sinfonien und Opern, von Klavierwerken oder Streichquartetten markiert werden. Aber von Cellosonaten? Bei Beethoven war es genau so: Die beiden Sonaten op.102 sind entscheidende kompositorische Experimente. Sie läuten das spektakuläre Spätwerk ein, bedeuten – auch für die Gattung selbst – einen Quantensprung. Erstmals ist hier das Violoncello ein gleichberechtigter Partner des Klaviers. Entsprechend schwierig sind die Werke, handwerklich wie künstlerisch.
Daniel Müller-Schott zeigt sich der Herausforderung auch in der Fortsetzung seines kleinen Beethoven-Zyklus in allen Belangen gewachsen. Cello-typische technische Probleme wie Intonationstrübungen gibt es bei ihm nicht. Wirklich bemerkenswert aber ist etwas Anderes – dass Müller-Schott auch klanglich vergessen lässt, was man dem Cello nachsagen könnte: Die Register sind vom Bass bis in den Diskant ausgeglichen, es brummt und scheppert nichts unten, schreit und quietscht nichts oben, die Linienführung ist leicht und gesanglich.
Wirklich spannend wird die Sache aber erst, weil Müller-Schott mit seiner Klavierpartnerin Angela Hewitt sehr authentisch vermittelt, was sich anno 1815 kompositorisch ereignet. Dass Beethoven, der Materialentwickler schlechthin, auf einmal ins Stocken gerät. Das Zögern, Innehalten, auch Abbrechen, ist das eigentliche Thema dieser Zeit. Beethovens Zeitgenossen reagierten ratlos darauf. In der klaren, präzisen Aufnahme mit Daniel Müller-Schott und Angela Hewitt fällt es leicht, das nachzuvollziehen. Sie kaschieren die Brüche nicht, sie legen sie offen. Und sie lassen dennoch keinen Zweifel aufkommen, dass alles genauso sein muss, dass der Bruch ein Effekt ist und kein Mangel.
Wie zur Belohnung für die Schwerstarbeit haben Daniel Müller-Schott und Angela Hewitt ihre neue Aufnahme um drei Variationszyklen von Beethoven ergänzt: der erste auf ein Thema von Händel, dann zwei nach Mozarts "Zauberflöte". Auch ohne kompositorische Last sind die beiden ein fabelhaftes Duo. Zwischen ihnen gibt es keine Missverständnisse, es gibt keine Alleingänge, kein Kompetenzgerangel. Die beiden bewahren das Gleichgewicht, an dem Beethoven so hart gearbeitet hat.

Raoul Mörchen, 18.09.2010



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