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Sappho and Her Time

Ensemble Melpomen, Conrad Steinmann

DHM/Sony Music 88697 67174-2
(64 Min., 9/2008)

Wir werden nie wissen, wie Sappho, Homer und Anakreon gesungen haben – zu spärlich sind die Informationen, die zur Musik dieser Zeit überliefert sind. Wir erfahren von den antiken Autoren hier und da ein wenig über Tonsysteme und Stimmungen, aber belastbare Quellen zu Melodien gibt es nicht. Ein wenig besser sieht es mit den Instrumenten aus. Dank zahlreicher Bildquellen, archäologischer Funde und Vergleichen mit heute noch existierenden Instrumenten kann man auf diesem Feld durchaus zu seriösen Rekonstruktionsversuchen gelangen – und auf diese Rekonstruktionen stützt sich auch die vorliegende Einspielung. Wir lernen den dumpfen, aber urigen Klang der Leier Barbitós kennen, deren Resonanzkörper aus dem Panzer einer Schildkröte besteht – und wir lernen dieses hausmusikalische Instrument von der prächtigeren, offizielleren Kithára zu unterscheiden. Auch von den unterschiedlichen Bauformen des "alltönenden" (d. h. mit einem kontinuierlichen Luftstrom geblasenen) Aulós bekommen wir eine Vorstellung. Wie die Musiker mit den Begrenzungen und Möglichkeiten dieser Instrumente spielen, ist aber nicht nur von archäologischem Interesse. Zwar kommt es neben ökonomisch gesetzten rhythmischen Effekten melodisch manchmal zu etwas öden Sequenzierungen. Auch die Gesänge auf Texte von Sappho und ihrer Zeitgenossen, die die Sopranistin Arianna Savall und der Tenor Giovanni Cantarini zu dieser Begleitung vortragen, sind letztlich frei erfunden. Trotzdem ist es spannend zu verfolgen, wie fantasiereich hier mit der Rhythmik der Texte und dem durch die Instrumente begrenzten Tonvorrat gespielt wird, wie jedes "Lied" durch Experimente mit Glissandi, stärkere oder schwächere Betonungen des Metrums, Wiederholungen, subtile Tonartwechsel, Summen oder Singen im Falsett seinen eigenen Charakter erhält, und dennoch der Eindruck einer stilistischen Einheitlichkeit bewahrt wird.

Carsten Niemann, 11.09.2010



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