Responsive image

For All We Know

José James, Jef Neve

Impulse/Universal 2732149
(51 Min., 11/2008 u. 6/2009)

Sänger haben es hierzulande im Jazz nicht leicht – ganz im Gegensatz zu ihren Kolleginnen: Die dürfen säuseln, fauchen, samten flöten oder funky röhren. Ganz gleich, was sie tun, nie wird ihnen jemand den Vorwurf machen, sie knödelten pomadigen Schmalz. So mancher Balladeer wurde etwa bei den Berliner Jazztagen ausgebuht, selbst John Coltranes legendäre Zusammenarbeit mit Johnny Hartman auf Impulse war kein Erfolg beschieden. Sänger haben entweder wie Bobby McFerrin oder Al Jarreau das volltönende Balladen-Terrain zu meiden oder als Crooner in Sinatra-Manier zu agieren. Jetzt unternimmt ein 27-jähriger Amerikaner mit Vorfahren in Irland und Panama von seiner Wahlheimat England aus erneut den Versuch, ohne manieristische Vokalisen schlicht mit warm tönendem Bariton große Klassiker des Jazzballaden-Repertoires auf persönliche Art zu deuten. Er tut dies in kühner Reduktion allein mit der Kunst der Phrasierung und einer das Original respektierenden melodisch-harmonischen Ausdeutung – und einem kongenialen Partner am Klavier, dem äußerst einfühlsamen, 33-jährigen Belgier Jef Neve. Der beherrscht seinen Bill Evans ebenso wie seinen Herbie Hancock und verfügt über die feinnervige Vitalität der großen Pianisten seiner Generation – und natürlich war der 13 Jahre ältere Esbjörn Svensson ein wichtiger Einfluss. In außerordentlicher Konzentration auf das Wesentliche und in intimer Vertrautheit, bei der sich Sänger und Pianist behutsam und doch rückhaltlos begegnen, werden hier längst abgenudelt geglaubte Titel wie "Body and Soul", "Tenderly" oder "Lush Life" zu Hörerfahrungen mit Gänsehaut-Faktor. Schön, dass diese europäische, zeitgerechte Antwort auf das verklärte, und doch heimlich geschmähte Coltrane/Hartman-Impulse-Album auf dem gleichen Label erscheint.

Thomas Fitterling, 07.08.2010



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Das ging fix! In Schumanns „Haushaltsbuch“ kann man nachlesen, wenn auch gewohnt kryptisch, wie rasch er mit der Arbeit an seinem Klaviertrio op. 110 vorankam: „1. Okt. 1851 Kompositionsgedanken, 2. Okt. Triogedanken, 3. Okt. 1. Satz fertig, 4. Okt. 2. Satz, 5. Okt. 3. Satz, Freude, 27. Okt. Probe zum Trio zum ersten Mal, Freude.“ Dabei war Schumann sonst nicht unbedingt ein Schnellschreiber wie etwa Mozart. Doch die vier Sätze wirken wie aus einem Guss, wie in einem Schaffensrausch zu […] mehr »


Top