Ob es am Börsencrash liegt, dass sich Prokofjews jahrzehntelang kaum beachteter "Spieler" in letzter Zeit wieder verstärkten Interesses erfreut? Die Botschaft, dass Geld das Glück zerstört, ist jedenfalls populär wie nie und gleich zwei große Produktionen waren der Rouletteoper des 25-Jährigen in letzter Zeit gewidmet: eine in London, die andere in Berlin und Mailand. Dass die Koproduktion von Lindenoper und Scala in den Feuilletons begeistert gefeiert wurde, lag sicher auch an der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, der die spielsüchtigen Russen in ein Botho-Strauß-Ambiente verfrachtete und mit dem scharfen Blick des Schauspielregisseurs die Leere der Figuren bloßlegte. Die sinnlose Getriebenheit, für die das Roulette ein ebenso gutes Gleichnis ist wie für den Aberwitz des Glücks, passt jedenfalls ins Plüschmobiliar der Belle Epoque ebenso gut wie auf weiße Kunstledersofas. Ein Glücksfall war auch die Besetzung: Kristine Opolais als eiskalter Engel Polina und Misha Didyk als Hauslehrer Alexey sind auch optisch glaubwürdig das Liebespaar, das in dieser korrumpierten Umgebung vergebens einen Weg zueinander sucht – und Opern-Urgestein Stefania Toczyska macht aus dem Besuch der alten Tante eine Glanznummer. Während ältere russische Aufnahmen die Ruhelosigkeit von Prokofjews Musik ins Sarkastisch-Überdrehte steigern, geht Daniel Barenboim den gegenteiligen Weg: Statt das eh schon Offensichtliche zu betonen, setzt er mehr auf die humanen Qualitäten der Partitur, zeichnet mit warmem Orchesterklang und atmenden Tempi keine Karikaturen, sondern leidensfähige Menschen.

Jörg Königsdorf, 10.07.2010



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