Im Leben jedes Operettenkomponisten kommt der Tag, wo er eine ernste Oper komponieren will. Was für Lehár "Giuditta", für Robert Stolz "Die Rosen der Madonna" und für Offenbach "Hoffmanns Erzählungen" waren, das sah Sir Arthur Sullivan in der Großen Oper "Ivanhoe". Dem in England kultisch verehrten, bei uns nur als musikalische Hälfte der Nonsense-Factory Gilbert & Sullivan bekannten Komponisten kommt in Großbritannien eine Pionierstellung für die Oper insgesamt zu. Sein Initiationserlebnis war eine Begegnung mit Rossini (bei einer gemeinsam mit Dickens unternommenen Reise). Auch burleske Meisterwerke wie "H.M.S Pinafore" und "The Pirates of Penzance" waren in Wirklichkeit Komische Opern.
Für die Idee einer britischen Nationaloper baute Sullivan das (heutige) Palace Theatre am Londoner Cambridge Circus, wo der romantische Opern-Schinken "Ivanhoe" 1891 immerhin 155 Vorstellungen en suite erlebte. Der Erfolg war beispiellos. Tatsächlich gelingt Sullivan mit dem Bestseller-Spin-off (nach Walter Scott) eine Neuerfindung des Pompösen aus dem Geist volkstümlicher Ritterspiele, Liebesränke und Robin-Hood-Reflexe. Die noch von Richard Hickox geplante, glanzvolle Gesamtaufnahme überzeugt dank vorzüglich idiomatischer Sänger – vor allem Neal Davies als König. David Lloyd-Jones steuert wetterfest durch die tonalen Fluten dieses durchaus konventionellen, aber gerade darin den Stolz einer angenehm unbeirrbaren Musiknation befestigenden Mega-Events. "Sullivan's Celebration of Musical Englishness", so nennt es treffend das (reich ausgestattete) Booklet. Etwas für Fortgeschrittene. Aber es lohnt.

Robert Fraunholzer, 12.06.2010



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