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Vues du fleuve

Carole Therrien

Effendi Records/Codaex FND095
(52 Min., 1-7/2009)

Jetzt drängt also auch der Jazz aus Québec, der französischsprachigen "Nation innerhalb eines geeinten Kanadas", auf den internationalen Tonträgermarkt. Effendi Records, das Label aus Montréal, der nach Paris größten französischsprachigen Metropole der Welt, wird dabei kräftig vom kanadischen "Ministerium für das nationale Erbe" und der "Société de développement des entreprises culturelles Québec" unterstützt. Das neue Album der Sängerin Carole Therrien verleiht dem weiten rauen Land am Unterlauf und der Mündung des Sankt-Lorenz-Stroms eine ganz besondere Stimme. Da ist zunächst einmal die Sprache. Selbstbewusst und selbstverständlich bedient sich Carole Therrien des Französischen. Mit eigenen Texten, Gedichten quebecischer und französischer Autoren besingt sie in diesen "Fluss-Ansichten" die Konstanz des Fließens und Strömens aus der Vergangenheit in die Zukunft mit chansontypischem, melancholischem Unterton. In immer wieder eher spröden Bildern geht es um Nähe, Zärtlichkeit und überwundene Einsamkeit. Von eher sprödem Charme ist auch die Besetzung. Carole Therrien wird nur von Klavier und Kontrabass begleitet. Dieses Duo erinnert an Jean-Pierre Mas/Cesarius Alvim, ein in den Siebzigerjahren im fernen Paris sehr beliebtes Ensemble. Auf dem Cover blicken die Begleiter mit ihrer Sängerin recht bodenständig in die Kamera. Umso erstaunlicher ist es, mit welch intimer Sensibilität Yves Léveillé und Alain Bédard die fast knabenhafte, glockenreine Stimme von Therrien mit einer nüchternen und doch fast impressionistisch poetischen und letztlich swingenden Musik unterfüttern. Bei neun der 14 Titel haben sie auch für die Vertonung gesorgt. Es ist immer wieder ergreifend, wie die klassisch ausgebildete Sopranistin mit natürlicher Singstimme auch bei gewagten Intervallsprüngen die bedeutungsvollen Texte stets verständlich gestaltet. Die Texte sind übrigens vorbildlich im Booklet abgedruckt. Eine Einschränkung ist allerdings zu machen: Die durchgängig strenge Strophenform bei allen Titeln macht den Vortrag schließlich doch etwas ermüdend.

Thomas Fitterling, 05.06.2010



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