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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Tizians dramatisch-unappetitliche Darstellung des enthaupteten Goliath, die auf dem Cover dieser CD prangt, könnte falsche Erwartungen wecken. Die Art und Weise, in der Alessandro Scarlatti (1660-1725) den Sieg Davids über den ungeschlachten Philister schildert, lässt jedenfalls mehr an einen kolorierten Kupferstich als einen mächtigen Ölschinken denken. Dies hängt auch damit zusammen, dass es sich um ein frühes Werk des neapolitanischen Opernmeisters handelt, das zudem noch in Latein und nicht in lebensnäherem Italienisch verfasst ist. Wir hören hier also weniger den Vorläufer Händels als den Schüler des alten Giacomo Carissimi oder den Zeitgenossen Corellis – das aber mit umso mehr Genuss! Mit bemerkenswerter künstlerischer Ökonomie fasst Scarlatti das biblische Geschehen zusammen und findet in den 65 Minuten sogar noch Zeit, die Geschichte von David und seinem Freund Jonathan sowie den Konflikt mit dessen Vater Saul zu streifen. Antonio Abete, der den Riesen Goliath nicht nur mit einem mächtigen Bass, sondern auch mit beeindruckend wendigen Koloraturen ausstattet, ist eine Idealbesetzung – ebenso die Sopranistin Robin Johannsen, die Jonathans Partie mit männlicher Anmut und Innigkeit singt und seine Kampfesrufe im Glanz einer Barocktrompete leuchten lässt. Die übrigen Solisten fügen dem Bild nicht ganz so intensive persönliche Farben bei, zeichnen ihre Gesangslinien aber stets mit belebtem und präzisem Strich. Anders als sein Mentor René Jacobs scheint Alessandro de Marchi mehr vom Cembalo als von der Belcantolinie aus zu denken. Und genau das tut dem Stück gut, dessen Wirkung nämlich auf präzise formulierten Motti im Continuo, einer klaren, nur an wenigen Stellen wirksam durchbrochenen Architektur sowie reizvollen Registerwechseln zwischen kammermusikalischem Concertino und Tutti beruht.

Carsten Niemann, 29.05.2010



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