Der Rang eines "offiziellen Geheimtipps", den "Medea in Corinto" (1813) für sich beanspruchen darf, spiegelt sich in den bisherigen Gesamtaufnahmen mit Jane Eaglen, Leyla Gencer und Maria Galvany: Ausdrucksbelcanto, nicht unbedingt für Anfänger. Demnächst soll Hans Neuenfels das Werk an der Bayerischen Staatsoper retten. Auch die St. Gallener Aufnahme (nach der quellenkritischen Neuedition bei Ricordi) versucht dem Lehrer Donizettis und "Vater der italienischen Oper" (so Rossini über Mayr) Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Na ja.
Der rührige Vorstoß, für den man vor Ort Regisseur David Alden gewann, beeindruckt hinsichtlich der konzertierten Versammlung aller Kräfte, die sich zugunsten des in Oberbayern geborenen, 1789 nach Italien verzogenen Giovanni Simone Mayr ins Getümmel stürzen. Lawrence Brownlee singt den athenischen Besucher Egeo. Elzbieta Szmytka, wahrlich keine Spezialistin, gibt die grelle Proto-Belcantistin. Das Ergebnis klingt wie die Geburt des Primadonnen-Melodrams aus dem Geiste des "Freischütz'". Nach Bellinis Erfolg mit "Norma" geriet das Werk mit dem skandalösen Kindsmord bald in Vergessenheit. Donizetti aber soll geäußert haben: "… wenn es mir gelänge, eine 'Medea' zu schaffen, wäre ich glücklich, danach zu sterben." Dies glaubhaft zu machen, hätte es wohl doch einer höherrangigen Crew bedurft. Und zwar, um die Gemengelage zwischen Romantik, Rohheit und Risorgimento elegant aufzudröseln. So, wie es hier dargeboten wird, haftet dem Werk nicht jene Finesse an, wie man sie vom Vorläufer des Belcanto erwartet. "Medea" bleibt großspurig, grob und ein bisschen provinziell.

Robert Fraunholzer, 22.05.2010



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