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Tribal

Carine Bonnefoy

KTD/Codaex KTD 6004
(53 Min., 6/2009)

Carine Bonnefoy ist eine eher zierliche und – trotz ihres wenig gebändigten langen Haares – fast jungenhaft wirkende Französin. Dabei geht von ihr ein leicht herber Charme aus, der so gar nichts Prätentiöses hat und sie mit seiner Spitzbübigkeit weit jünger als ihre 36 Jahre erscheinen lässt. Das alles wäre nicht erwähnenswert, wenn sich diese Wesenszüge nicht in der Musik dieser Komponistin, Arrangeurin und Pianistin ebenso widerspiegeln würden wie ihre polynesischen Wurzeln. Die französische Presse vergleicht sie mit ihrer amerikanischen Kollegin Maria Schneider, der Sachwalterin des Gil-Evans-Erbes. Immerhin hat Carine Bonnefoy in jüngerer Zeit mit dem Metropole Orchestra und der WDR Big Band gearbeitet. Auf ihrer neuesten CD führt sie ihre Erfahrungen mit dem großen niederländischen Orchesterapparat des Metropole auf sehr persönliche Art weiter. Mit einem sogenannten "Large Ensemble" hat sie sich ein abgespecktes Metropole Orchestra geschaffen, in dem statt der 52 nunmehr 16 Musiker mitwirken. Zu einer erweiterten Combobesetzung kommen noch ein Streichquartett und zwei Sängerinnen – einige Instrumentalisten singen ebenfalls bzw. spielen Perkussionsinstrumente. Die Singstimmen werden sehr diskret als quasi instrumentale Klangfarben eingesetzt. Auch das Fender Rhodes E-Piano, das die Projektleiterin neben dem Flügel bedient, sorgt für eine besondere Klangfarbe. Nach einer kurzen polynesischen Trommeleinleitung entwickeln sich in sechs ausführlicheren Stücken harmonisch weit gefächerte, schwermütige Melodien, denen immer wieder ein lasziv verschleppender Rhythmus unterlegt ist. Vor dem Abschluss des Programms, das als Suite zu verstehen ist, knüpft ein knapp dreiminütiger Perkussions-Track an die Einleitung an. Dabei wirkt die polynesische Trommelkunst ähnlich einer afrikanischen Rhythmik, die um asiatische Sophistication weiß. Ein eher klassisch wirkender Jazz-Track steht dann am Ende eines abwechslungsreichen Programms, das immer wieder mit überraschenden Klangfarben, vor allem aber mit hinreißenden Soli der unterschiedlichen Solisten besticht. Irgendwie aber liegt über all dem etwas von einer schwerblütig – oder gar zäh? – dahinfließenden Melancholie.

Thomas Fitterling, 20.05.2010



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