Die Renaissance der Vivaldi-Opern ist in vollem Gange, daran hat die CD-Edition seiner "Opera teatrali" großen Anteil. Inzwischen ist man bei Teil 13 angekommen. "Armida al campo d’Egitto", uraufgeführt während des Karnevals 1718 am Teatro S. Moisè in Venedig, markiert den Sprung Vivaldis über den Rand der heimatlichen Lagune hinaus – und damit Höhepunkt und Ende des Frühwerks. Vivaldi nahm "Armida" mit nach Mantua, um sich dort seinem neuen Arbeitgeber, Philipp von Hessen-Darmstadt, erfolgreich vorzustellen.
In flirrendem Virtuoso-Stil mit von allen Jahreszeiten geschüttelten Geigen trägt das Werk vom ersten Takt an unverkennbar Vivaldis Handschrift. Obwohl die Musik des zweiten Aktes verloren ging und von Rinaldo Alessandrini nach Art eines Pasticcios ergänzt wurde (durch Verwendung von Vivaldi-Arien, die auf den erhaltenen Text passen), vermittelt "Armida" fast den Eindruck eines Meisterwerks. Dazu trägt ein Temperamentsbolzen wie Alessandrini, der selbst sattsam bekannten Mozart-Ouvertüren schon einzuheizen verstand, mit aufpeitschendem Engagement bei. Nicht nur Sara Mingardo als Zauberin, sondern auch Romina Basso (Adrasto) und Furio Zanasi (Califfo) liefern superbe Impressionen der Reise Armidas in den Orient. Eine Entdeckung ist der argentinisch-schweizerische Countertenor Martín Oro (Tisaferno) in seiner wohl ersten großen Rolle auf CD. Der Drive des Werkes, das nie in maschinenhaft abspulende Betriebsamkeit umkippt, begeistert durchaus. Zumal es ebenso meditative wie idyllisch versonnene Passagen gibt, wie man sie in dieser Vielgestaltigkeit und Abwechslungskraft als erfahrener Barockopern-Hörer nicht durchweg gewohnt ist. Erstaunlich, dass die Ausgrabungswut der Alten Musik immer noch solche Schätze ans Licht befördert.

Robert Fraunholzer, 15.05.2010



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