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Johann Christoph Vogel

Drei Sinfonien

bayerische kammerphilharmonie, Reinhard Goebel

Oehms Classics/harmonia mundi OC 735
(58 Min., 9/2008) 1 CD

1756 war ein guter Jahrgang für früh vollendete, früh verstorbene Komponisten: Neben Mozart und Kraus brachte er auch Johann Christoph Vogel hervor, einen gebürtigen Nürnberger, der bereits 1788 in Paris dem Suff erlag. Seit Jahren giert der Rezensent nach einer Einspielung von Vogels legendärer Oper "Démophon", mit der der Komponist das Vorbild seines Landsmanns und Protegés Gluck erreicht oder sogar überwunden haben soll. Doch bekanntlich beginnt jede Wiederentdeckung bei den kostengünstiger zu produzierenden Instrumentalwerken. In diesem Fall hat sich Reinhard Goebel für die "Trois Sinfonies" entschieden, die Vogel für das berühmte Pariser "Concert Spirituel" schrieb. Wenn Goebel sagt, dass es sich um das Beste handelt, was man dort in der Gattung vor Haydns Pariser Sinfonien hören konnte, dann hat er unbedingt recht: Die im Stile der konzertanten Sinfonie gestalteten Mittelsätze der Sinfonien Nr. 2 und Nr. 3, das witzige Vexierspiel mit unerwarteten Pausen im Andante von Nr. 1 oder die Gluck'schen Dräu- und Groll-Gesten in den Ecksätzen verraten einen genialischen Kopf, der sich mit den Erfolgsrezepten des Pariser Sinfoniestils auskennt, ohne sie bloß nachzukochen. In seiner typischen Offenherzigkeit weist Goebel aber auch auf ein Manko des Pariser Sinfoniestils vor Haydn hin: nämlich die "unleidlich vielen wörtlichen Wiederholungen bereits bekannten Materials", die selbst noch in Mozarts Pariser Sinfonien zu spüren seien. Einspruch Euer Ehren! Viele Wiederholungen gibt es tatsächlich, doch unleidlich müssten sie nicht sein, wenn Goebel die Differenzierungskunst, mit der er einzelne Motive und Streicherfiguren zum Leben bringt, auch dazu einsetzen würde, gleiches Material bei Wiederholung deutlicher zu verändern oder zwischen Abschnitten statt eines Semikolons lieber einen Doppelpunkt oder einen Gedankenstrich zu setzen. Auch wenn diese Aufnahme Vogels Reputation sicher deutlich mehr helfen als ihm schaden wird, mit Concerto Kölns jüngster Ersteinspielung der Sinfonien von Henri-Joseph Rigel (ebenfalls ein Franke, der im vorrevolutionären Paris Furore machte) kann sich diese wichtige Produktion leider nicht messen.

Carsten Niemann, 10.04.2010



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