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Diverse

Chants d'est

Sonia Wieder-Atherton, Warschauer Sinfoniker, Christophe Mangou

Naïve/Indigo 930242
(61 Min., 10/2007) 1 CD

So also tanz(t)en die Tartaren. Wie aufgescheuchte Hummeln sausen sie durch den Raum, irisierend und insistierend und so irritierend süßlich (und slawisch) summend, dass man ganz kirre zu werden droht. Wird man aber nicht. Denn der Tartarische Tanz von Alexander Tscherepnin ist ziemlich gut gespielt von Sonia Wieder-Atherton und der Sinfonia Varsovia unter Leitung von Christophe Mangou: filigran und flott, energisch und doch irgendwie behutsam in der Wahl der Mittel. Das Schöne daran: Es ist diese Interpretation nur ein Höhepunkt von vielen. Das gesamte Album mit dem Titel "Chants d'est" (und dem Untertitel "Lieder aus slawischen Ländern") ist voll von gleichsam zärtlichen Entdeckungen. Fast ausnahmslos stammen sie aus dem 20. Jahrhundert, das der Historiker Eric Hobsbawm nicht zu Unrecht als das "Zeitalter der Extreme" bezeichnet hat. Die Musik, die Sonia Wieder-Atherton gemeinsam mit dem Komponisten Franck Krawczyk arrangiert hat, spiegelt diese Extreme in eindrücklicher Weise wider, legt den Fokus aber deutlich erkennbar auf die Schattenseiten. Da klingt doch nicht nur Melancholie, sondern überdies auffällig viel Schmerz und Leid durch, ganz unpathetisch, aber intensiv und berührend. Eine schlichte Trauer formuliert sich im warmen, meist schlichten, sanften, sensiblen, unaufdringlichen Ton des Violoncellos, so etwa (was Wunder!) in den beiden jüdischen Traditionels, und so eben auch in den Bearbeitungen von Stücken aus Rachmaninows "Vesper" und Gustav Mahlers "Rückert-Liedern" ("Ich bin der Welt abhanden gekommen"). Kurzum: eine durch und durch imaginative (und intelligible) Aufnahme, die den Hörer ganz für sich einnimmt. Und das nicht nur musikalisch. Die Intensitäten reichen über das rein klangliche Erlebnis hinaus. Und die Nachdenklichkeit hält noch lange nach dem letzten Ton an. Kunst kann eben doch verändern.

Jürgen Otten, 10.04.2010



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