Händel und Passionen? Da sei der heilige Sebastian vor! Die Zeitgenossen dachten da noch anders. Vor allem in Hamburg, wo zur Karwoche 1719 mit Keiser, Telemann, Mattheson und (dem inzwischen in England angekommenen) Hallenser gleich vier lokale Ratsmusiker die gereimten Passionsverse "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus" des Ratsherren Barthold Heinrich Brockes in Töne setzten. Andernorts waren noch weitere Brockesianer tätig: Fasch etwa, Stölzel und – ja – auch JSB, der sich für seine Johannes-Passion Teile des berühmten Librettos borgte und Händels Vertonung in den späten 1740er Jahren abschrieb – für eine Leipziger Aufführung, vielleicht aber auch nur für seine private Notenbibliothek. Nach dieser Bach'schen Vorlage (die sich laut Booklet vor allem textlich im Eingangschor von den anderen überlieferten Vorlagen unterscheidet) hat nun Peter Neumann mit seinen exquisiten Kölner Kräften Händels einziges deutschsprachiges Oratorium eingespielt. So zupackend und geschmeidig seine beiden Ensembles in den Knechts-Chören respektive vier Chorälen agieren, so makellos zeigen sich auch seine Solisten – mit kleinen Einschränkungen. Bewegend Elvira Bill als Maria, theatralisch-expressiv James Oxleys Petrus, ausdrucksstark – wenngleich volumenschwach – Jan Thomer als Judas-Altus und beeindruckend kraftvoll der Jesus Markus Flaigs (und Michael Dahmens Bass-Einwürfe). Wie beim biblischen Personal, so positiv, schlank und grazil sind mit Nele Gramß und Johanna Winkel auch die beiden kommentierenden (Gemeinde-)Stimmen der "Tochter Zions" und der "Gläubigen Seele" besetzt. Last but not least sei der erregende Evangelisten-Stil Markus Brutschers hervorgehoben. In den 96 durchweg kurz gehaltenen Arien, Rezitativen und Chor-Einwürfen zielte der Theatraliker Händel direkt aufs Gemüt seiner Zuhörer – mit kräftigem, eingängigen Klangpinsel, wie ihn die barocke Klangrede plastischer kaum kennt. Den wortfrommen Kirchenoberen war es zu viel an eitlem Töne-Tand. Dem Volk (und den Musikliebhabern) aber gefiel's, wie die zeitgenössischen Aufführungen zeigen. Ob Neumanns mustergültige Verlebendigung ihre Renaissance bewirken kann? Vielleicht, wenn es jenen Leipziger Passionsschreiber nicht gegeben hätte ....

Christoph Braun, 10.04.2010



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