Heimliches Hauptwerk oder polystilistisches Machwerk? Noch hat die Geschichte kein festes Urteil über die szenische Messe gesprochen, mit der Leonard Bernstein seine Landsleute zur Einweihung des John F. Kennedy Centers for the Performing Arts 1971 überrumpelte. Das Stück gibt einerseits kritisch-blasphemischen Gedanken bzw. Gefühlen weiten Raum - bis hin zu der Szene, in welcher der "Zelebrant" in grandioser pubertärer Geste den Messwein verschüttet. Und feiert doch gleichzeitig mit unverhohlener Faszination das Gruppenerlebnis Glauben, wie es im katholischen Messritus seine Form fand. Die aggressive Forderung nach Frieden im "Dona nobis pacem" machte das Zeitstück komplett. Die Festgemeinde schwieg betroffen - und applaudierte; erst in den Zeitungen fasste sich ein Teil der Kritiker an den Kopf. Seitdem ist das Werk selten aufgeführt worden. Erwartungen, dass die konzertante Wiederaufführung der engagierten Messe durch den Bernstein-Schüler Kent Nagano im November 2003 in Berlin eine neue Aktualität entfalten würde, erfüllten sich nicht und waren wohl auch verfehlt. Die damals entstandene Aufnahme lässt vermuten, warum: Der Bernstein-Schüler Nagano interessiert sich jenseits des Coup de théatre vor allem für das, was man die rein musikalische Substanz des Werks nennen könnte. Kein falscher Ansatz: Der Orchesterpart hält es aus, dass er durch feine Linienzeichnung aufgewertet wird. Und durchaus mit Recht objektiviert Nagano den inzwischen kaum noch brisanten musikalischen Konflikt zwischen swingenden und rockenden Straßenchören mit ihren E-Gitarren und der traditionellen Chorsprache dadurch, dass er für beide Welten Solisten des Rundfunkchors einsetzt. Doch all dies fokussiert den Blick auf die Hauptfigur der Messe, den Zelebranten: ein Charismatiker, der virtuos mit den Gefühlen der Masse zu spielen weiß, darüber seine Naivität zu verlieren droht und damit ein feinsinniges Selbstporträt Bernsteins abgeben könnte. Leider merkt man dem Tenor Jerry Hadley trotz behutsamer Stimmführung und überzeugendem Balancieren zwischen Musical- und Opernton eine deutliche Anstrengung an. Dadurch aber fehlt dem Werk, das seines gesellschaftlichen und politischen Furors beraubt scheint, die starke Mitte. Deshalb empfiehlt sich diese Interpretation allenfalls als Ergänzung, aber kaum als vollgültige Alternative zu der ungleich groovenderen und authentisch packenden Paralleleinspielung mit dem komponierenden Charismatiker Bernstein am Pult. Manchmal besitzen Zeitdokumente eben die größere Kraft.

Carsten Niemann, 25.09.2004



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