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Leonard Bernstein, William Bolcom

Sinfonie Nr. 2, Klavierkonzert

Marc-André Hamelin, Ulster Orchestra, Dmitri Sitkowetzky

Hyperion/Koch CDA 67170
(59 Min., 1/2000) 1 CD

Marc-André Hamelin nutzt hier die Chance zu beweisen, dass er auch jenseits hochvirtuosen Gedonners zu überzeugen vermag - durch Witz, stilistische Finesse und auch eine Portion Sentiment. Von allem ist in Leonard Bernsteins Zweiter Sinfonie reichlich gefordert. Das zweiteilige Werk mit dem Untertitel "The Age Of Anxiety" orientiert sich an W. H. Audens gleichnamigem Gedicht, das, vereinfacht gesagt, die Suche des modernen Menschen nach dem Sinn des Lebens zum Thema hat. Gottseidank griff Bernstein hier nicht zu Chören, Erzählern und ähnlichem Ballast wie in seiner Dritten. "Ich-Erzähler" ist der Pianist.
Wie stets bei Bernsteins "ernsten" Kompositionen grüßen alte Bekannte von ferne - oder auch von ganz nahe; hier sind es Strawinsky und vor allem Copland. Trotzdem hat das Werk viel Schönes zu bieten, vor allem das schlagzeugselige Jazz-Zwischenspiel im zweiten Teil, das Hamelin hier hörbar Spaß macht und bei dem ihm Philippe Entremont in der früheren von Bernsteins eigenen Einspielungen (Sony) nicht das Wasser reichen kann. Sehr innig der lyrische Abgesang, in dem Hamelin, der Berserker, den Mut zu sehr versonnenen und leisen Tönen findet. Wenn nur dieser pathetische Schluss nicht wäre... Sitkowetzky (wieder ein Geiger , der den Bogen mit dem Taktstock vertauscht hat) führt das Ulster-Orchester mit sicherem Griff durch die Partitur, weniger hymnisch als der Komponist selbst, doch etwas Sachlichkeit steht dem Werk gut zu Gesicht.
Stilmischmasch - oder nennen wir es Collagetechnik - prägt das 1976 komponierte Klavierkonzert von William Bolcom. Hamelin befolgt hier souverän und mit diebischer Freude die geforderten Sprünge zwischen Tonalität, Atonalität, Volkslied und Jazz. Laut Einführungstext verfolgte Bolcom mit der Zitatenparade im letzten Satz übrigens kritische Absichten, denn das Werk entstand zum zweihundertjährigen Bestehen der USA. Ah ja. Freude macht es trotzdem, auch wenn Ives so etwas besser konnte.

Thomas Schulz, 16.11.2000



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