Keine der über 120 Rollen Plácido Domingos ist so gut dokumentiert wie sein Otello: Neben etlichen Studioaufnahmen und illegalen Mitschnitten ist der Star derzeit allein mit drei Versionen seiner Signature Role auf DVD präsent, darunter Franco Zeffirellis Opernfilm, der ihn in vollem tenoralem Saft zeigt. Wirklicher Bedarf an der Wiederveröffentlichung der Scala-Produktion von 2001 besteht mithin nicht, zumal weder Domingos Comprimarii an diejenigen früherer Aufnahmen heranreichen noch Graham Vicks Inszenierung eine echte Alternative zu den Plüschorgien der beiden Domingo-Otellos unter Solti (Covent Garden) und Levine (Met) bietet. Leo Nuccis Jago ist mit seinem ergrauten Bariton ein blasser Verführer, Barbara Frittoli klingt zwar frischer (das stellenweise üppige Vibrato ist allerdings Geschmackssache), agiert aber so zickig, dass man ihr das Unschuldslamm Desdemona keinen Augenblick lang abnimmt. So wird bei diesem Fest der großen Operngesten munter direkt ins Publikum gesungen, während Riccardo Muti das Geschehen nach Toscanini-Art energisch vorantreibt. Und mittendrin Domingos immer noch strahlkräftiger, aber zugleich überraschend altersmilder und anrührender Feldherr. Da hätte mehr draus werden können.

Jörg Königsdorf, 20.02.2010



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