Die Brandung schäumt, die Luft schmeckt salzig. Gegen den Wind und die kalten Blicke der Dorfgemeinde schlagen wir den Kragen hoch: Britten zum Anfassen. Hautnah. "Peter Grimes" für die Sinne. Als wären wir mittendrin.
Dabei gibt es hier gar nichts zu sehen. Wir hören eine CD, den Mitschnitt einer konzertanten Aufführung aus dem Londoner Barbican. Die Bilder entstehen im Kopf, zwangsläufig. Sir Colin Davis hat mit dem London Symphony Orchestra so detailbesessen gearbeitet, dass hier ein ganz neues "Grimes"-Bild entsteht: Kein sturmgepeitschter, rauher Klang, der sich nur in Ellen Orfords "Embroidery Scene" und einer Hand voll anderer Momente ausruht, sondern ein ungewöhnlich differenziertes Musizieren in jedem Augenblick, vielschichtig durchscheinend und dabei zugleich spannungsreich.
Glenn Winslade, der als Tannhäuser im Bayreuther Teletubbi-Tunnel 2002 und 2003 einen zwiespältigen Eindruck hinterließ, ist zwar weit davon entfernt, ein so komplexes Grimes-Portrait wie Peter Pears oder Jon Vickers zu entwerfen, doch er bewältigt die Partie mit seinem kräftigen, heldischen Material durchaus überzeugend - ungeachtet der einen oder anderen glanzlosen, angestrengten Höhe. Janice Watson als Ellen, Anthony Michaels-Moore als Balstrode, Nathan Gunn als Ned Keene und Jill Grove als Auntie sind ihm in der Erfassung und Erfüllung ihrer Figuren überlegen.

Jochen Breiholz, 09.10.2004



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