Thielemann und "Meistersinger" – das ist schon fast ein Synonym. Nicht erst seit seinem Bayreuth-Debüt, das der Berliner vor 10 Jahren mit Wagners einzigem "komischen" Opus bestritt, kürt sich der 50-Jährige zum Gralshüter der "heil'gen deutschen Kunst". In Wien ging er 2008 das Riesenopus schneidig an, mit kraftstrotzendem Pomp – wie es sich gehört. Gehört es sich? Mit viel Gespür für Wagners filigranes Melos versagte sich Thielemann zwar dem gefährlich naheliegenden Dauergetöse. Aber seine Eigenheit, mit penetranten Ritardandi und mächtigen Crescendi die schlanken Lichtblicke zu Vorstufen der scheinbar "eigentlichen", wahrhaft satt dreinschlagenden Höhepunkte zu degradieren: Diese – wahrlich beeindruckende – Überwältigungsstrategie zieht ihn dann doch in den unheilig-brachialen Traditionsmorast dieser Oper. Das gilt erst recht für das Bühnengeschehen, das Jürgen Rose "nach einer Inszenierung von Otto Schenk" von 1975 konzipierte. Man gibt sich "werktreu" nach Wagners Anweisungen, d. h. die eigene Regiefantasie, so denn vorhanden, bleibt außen vor. Im wahrsten Sinne gut betuchte Sangesbrüder und wackeres, bunt herausgeputztes Volk auf der reichlich beblumten Festwiese: Die nostalgische Illusion von wohlgefügter, rustikalromantischer Ordnung gibt sich unpolitisch und verrät sich doch gerade in seiner scheinbaren Harmlosigkeit. Den ehemaligen Revoluzzer Wagner hätte diese "Inszenierung", würde er heute leben, auf die Barrikaden gebracht – oder aber gähnen lassen. Das gilt zweifellos nicht für die Wiener Sängerschar, die auch in scheinbaren Nebenrollen wie Michael Schades David exzellent besetzt war. Falk Struckmann mimt den melancholisch weltweisen Schuster mit machtvoller Sonorität, während Adrian Eröd seinem Beckmesser zwar viel tenoralen Glanz, aber wenig Situationskomik mitgibt. Johan Botha verkörpert einen in jeder Hinsicht raumgreifenden Ritter Stolzing (mit betörendem Preislied), und Ricarda Merbeth eine nicht nur stimmlich höchst engagierte Eva. So "eindeutig" und hausbacken die Wiener Charakterzeichnungen, so ohne intellektuellen Hintersinn, geschweige denn Fallhöhe. Dem Staatsopernpublikum war‘s mehr als recht, es kam aus dem Jubeln (schon vor Beginn der Aufzüge) gar nicht mehr heraus. Weiß man doch seit Langem, was man an seinem Schenk und seinem Thielemann hat.

Christoph Braun, 30.01.2010



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