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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



Nachdem Russlands Opernhäuser lange als das größte Plüschreservat der Welt galten, hat das Regietheater nun auch das Bolschoi erobert – und nach einer Phase westlicher "Entwicklungshilfe" zeigt jetzt eine junge Generation russischer Opernregisseure, dass sie ihre Lektion bei Konwitschny und Co gelernt hat. An der Spitze Dmitri Tcherniakov, dessen eindrucksvolle Münchner "Chovanščina" gerade erst auf DVD erschienen ist und der nun auch einen stimmigen "Onegin" aus dem Geiste Tschechows vorlegt. Die bei einem Pariser Gastspiel 2008 abgefilmte und in etwas ungleichmäßiger Tonqualität aufgenommene Produktion verzichtet auf große, symbolträchtige Bilder, mit denen Andrea Breths ebenfalls auf DVD erhältliche Salzburger Inszenierung den Raum der "lyrischen Szenen" in eine innerliche Gefühlswelt öffnet, sondern erzählt die Geschichte mit naturalistischer Schlichtheit. Dafür aber beobachtet die Regie die Figuren ganz genau: die frustrierte Romantikerin Tatjana (Tatiana Monogarova), den egomanischen Poeten Lenski und den Hagestolz Onegin – das Drama entsteht bei Tcherniakov dadurch, dass bis zum Schluss keiner über seinen eigenen Schatten springen kann. Dabei erreicht die Inszenierung oft die Dichte und Intensität eines Kammerspiels: Ein einziger Moment der Nähe reicht Tcherniakov beispielsweise, um deutlich zu machen, dass eigentlich Tatjana und Lenski das Paar wären, das zueinandergepasst hätte. Eine konzentrierte Sicht, die gut zur Warmherzigkeit passt, mit der Ex-Bolschoi-Chef Alexander Vedernikov seinen Tschaikowski dirigiert und in die sich das Bolschoi-Ensemble auf ganz natürliche Weise einfügt. Schade allein, dass der Pole Mariusz Kwiecień mit bissfestem Macho-Bariton seinem Onegin die Tiefendimension eines Peter Mattei (bei Breth) schuldig bleibt.

Jörg Königsdorf, 25.11.2009



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