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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



Das Bild, das Modest Mussorgski in seiner unvollendet hinterlassenen Oper "Chowanschtschina" von seinem Vaterland zeichnet, ist trostlos: Nicht anders als im "Boris Godunow" scheint das russische Volk vor allem dazu verdammt, zu leiden und jedem neuen Regime einen hohen Blutzoll zu zahlen. Gerade deshalb ist es freilich auch der eigentliche Hauptdarsteller des Stücks, das ansonsten kaum positive Figuren aufbietet: Vom Fürsten Chowanski bis zum aufgeklärten Staatsmann Golitzyn haben hier alle irgendwie Dreck am Stecken, und selbst die Altgläubigen Marfa und Dossifej, die für ihre Überzeugung in den Tod gehen, wirken in ihrem Fanatismus unheimlich. In seiner Münchener Inszenierung versucht Dmitri Tcherniakov auch gar nicht erst, Mussorgskis pessimistisches Menschenbild zu beschönigen: Ziemlich bald ist klar, dass der neue Zar Peter, der im Verlauf der Handlung an die Macht kommt, ebenso mit Gewalt regieren wird wie seine Vorgängerin, und sobald es die Chance dazu hat, wird auch das gemeine Volk zur Meute. Dass die Verlagerung der Putschgeschichte aus dem Moskau des 17. Jahrhunderts in die Sichtbetonbunker von heute problemlos klappt, zeigt, dass Russland seither nicht unbedingt viel weiter gekommen ist. Neben der optisch prägnanten, fantasievoll gefilmten Inszenierung fällt die Musik leider etwas ab: Die Bassveteranen Paata Burchuladze und Anatoli Kotscherga spielen zwar überzeugend, sind aber stimmlich beide schon über ihren Zenit hinaus, Doris Soffels Marfa besitzt zwar gebieterische Präsenz, aber keine Wärme. Dazu dirigiert Kent Nagano einen leichtgewichtigen Mussorgski ohne großen Atem. Aber vielleicht ist das ja der Tonfall der Macht im 21. Jahrhundert.

Jörg Königsdorf, 30.10.2009



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