Als Londons Covent Garden Oper 1957 ihre neue Produktion von Hector Berlioz' "Trojanern" zeigte, hatte die Entdeckung dieser Oper gerade erst begonnen: Fünf Jahre zuvor war eine Einspielung der letzten drei Akte unter Hermann Scherchen erschienen, und bis zur ersten, nach wie vor Maßstäbe setzenden Gesamtaufnahme unter Colin Davis sollte es noch bis zum Berlioz-Jubiläumsjahr 1969 dauern. Der nahezu ungekürzten Aufführung des zuvor oft auf zwei Abende verteilten Werks kommt somit das Verdienst einer Pioniertat zu – und dem jetzt auf Testament veröffentlichten Mitschnitt der Status eines Dokuments. Darüber hinaus zeigt die Aufnahme allerdings vor allem, dass es offenbar einige Zeit brauchte, bis sich bei Orchestern und Sängern das Gefühl für einen spezifischen Berlioz-Stil herausgebildet hatte (nicht umsonst zählen die Vertreter der historischen Aufführungspraxis wie Minkowski, Gardiner und Norrington zu den größten Berlioz-Enthusiasten). Kubelik leitet sein Orchester zwar mit kapellmeisterlicher Energie, doch was er an Farben aus der Partitur herausgeholt haben mag, kann man anhand des stumpfen Klangbilds höchstens erahnen. Die Sänger liefern größtenteils recht gesunde Opernkonvention der Fünfzigerjahre, erreichen jedoch nicht das Format großer Berlioz-Interpreten wie Rita Gorr, Regine Crespin oder Janet Baker. Einzige Ausnahme: Der Aeneas von Jon Vickers, der hier noch jugendlicher, aber auch etwas ungeschliffener wirkt als auf der zwölf Jahre späteren Davis-Einspielung.

Jörg Königsdorf, 23.10.2009



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