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John Cage

49 Waltzes For The Five Boroughs

Don Gillespie, Roberta Friedman

Mode/SunnyMoon MODEDVD 204
(127 Min., 1993-94) 1 DVD

Selbst wer glaubt, New York zu kennen, dürfte überrascht sein, wenn er die Stadt plötzlich von einer Warte aus betrachtet, an die ihn nicht zielgerichteter Entdeckergeist und touristischer Instinkt geführt haben, sondern eine Reihe von Zufallsoperationen. Oder genauer: von jenen 147 Warten aus betrachtet, die John Cage vor gut 30 Jahren mit bewährter Hilfe des Orakels I Ching auf einer Karte seiner Heimatstadt festgelegt hat. Was wir dann sehen, ist vermutlich mehr New York, als es selbst der New Yorker sonst je zu Gesicht bekommt. Obwohl kaum etwa wirklich Außergewöhnliches dabei ist. Statt dessen: öde Reihenhäuser in Queens, heruntergekommene Siedlungsbauten in der Bronx, Backsteinwände in Brooklyn, Menschen, die in Staten Island matschigen Schnee in die Gosse schieben, Autokolonnen vor breiten Straßenkreuzungen in Manhattan. Cage hat die Stadt so genommen, wie sie gerade war. Genau darum aber formt sich im Betrachter die Gesamtheit der Perspektiven zu einem eindringlichen Panorama, das die eigenen, bisherigen Eindrücke von New York als das relativiert, was sie immer schon gewesen sind: das Ergebnis einer mehr oder minder bewussten persönlichen Selektion.
So sind die "49 Waltzes for the Five Boroughs" ein denkbar gutes Anschauungsmodell für Cages Idee, Unbestimmtheit und Zufall an die Stelle willentlicher Auswahl zu setzen. Dennoch ist das 1977 entstandene Werk eines der unbekanntesten von Cage. Das mag vielleicht daran liegen, dass man nicht so recht weiß, was man mit diesen Walzern machen soll. Spielen jedenfalls kann man sie nicht: Cage errechnete einfach die Koordinaten von 147 Positionen im Stadtgebiet und sortierte sie, von wegen Dreivierteltakt, in 49 Dreiergruppen. Realisiert werden soll das Werk von "Performer(s), Listener(s) or Record Maker(s)", wie jedoch, sagte Cage nicht. Nach seinem Tod war es dem Verleger und Freund Don Gillespie vorbehalten, die bis heute vermutlich einzige vollständige Produktion der Walzer anzugehen. Ein Jahr lang, zwischen Januar 1994 und Januar 1995, fuhr Gillespie mit der Videokünstlerin Roberta Friedmann an die von Cage markierten Orte, stellte eine Kamera mit Mikrofon auf und lies sie, immer auf gleicher Höhe, langsam horizontal hin und her schwenken. Die Dauer der einzelnen Aufnahmen hatte das Team zuvor gleichfalls per I Ching bestimmt. Das bereits beschriebene Ergebnis mag man als Kunstwerk schätzen und nutzen, aber auch als Dokument. Es gibt, so beteuert Gillespie, "einen genauen Eindruck von New York City zurzeit von Cages Tod". Was "genau" hier meint und meinen kann, dürfte Anlass zu langen Diskussionen geben. Mit ziemlicher Sicherheit lässt sich nur sagen, dass Cage selbst diesen Eindruck so nie gehabt hat und er, wie wir, ziemlich erstaunt wäre, könnte er jetzt all das sehen, was der Film ans Licht bringt. Auch er, der eingefleischte New Yorker, würde sein Bild von der Stadt wohl revidieren, er würde es erweitern.

Raoul Mörchen, 23.10.2009



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