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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Paul Hindemith

Das Marienleben

Soile Isokoski, Marita Viitasalo

Ondine/Note 1 ODE 1148
(71 Min., 2/2009) 1 CD

Glaubt man dem Booklettext des Hindemithforschers Giselher Schubert, regte das Erlebnis von Matthias Grünewalds "Stuppacher Madonna" Paul Hindemith Anfang der Zwanzigerjahre zur Vertonung von Rilkes Gedichtzyklus "Das Marienleben" an. Und tatsächlich herrscht in dem Zyklus die gleiche verklärte Grundstimmung wie auf dem Marienbild des Renaissancemeisters: Ätherisch, fast entrückt wird in den kunstvollen Vignetten vom Leben und Sterben der Gottesmutter berichtet, und was bei der Uraufführung noch an expressionistischer Wildheit noch zu hören war, eliminierte Hindemith ein Vierteljahrhundert später in der konzentrierten, fast lakonischen Zweitversion, die seither fast allen Aufführungen des "Marienlebens" zugrunde liegt. Keine romantisierende Vergegenwärtigung der Gefühle wollen die 15 Lieder sein, sondern Schilderungen aus jenseitiger Distanz, in denen das Leid nur durch sachte Eintrübungen fühlbar wird – eine Musik mit Heiligenschein. Damit gehört Hindemiths Zyklus zum Schwierigsten, was es im Liedrepertoire für Soprane gibt: Wenn die Andacht nicht zur gleichförmigen Pose erstarren soll, muss eine Sängerin alle subtilen Facetten der Liedkunst beherrschen und zugleich eine makellose Stimme besitzen – die Glorie der Gottesmutter verträgt nun mal keine Kratzer. Soile Isokoski und ihrer Begleiterin Marita Viitasalo gelingt in ihrer Neuaufnahme dieses Marienwunder – die Töne von Isokoskis Mozartsopran scheinen wie von innen her zu leuchten, Rilkes komplexe Texte wirken bei ihr nie bloß gesungen, sondern bis in die letzte Silbe verinnerlicht – in einer fast naiven Freude des Erzählens, die von Marias reiner Seele kündet, in der Wehmut (etwa in der "Hochzeit zu Kana"), aber auch in der Heilsgewissheit, die selbst die Momente des Schmerzes überstrahlt.

Jörg Königsdorf, 16.10.2009



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