Was für ein Brocken! Gut dreieinhalb Stunden Drama, dazu noch ein disparat zweiaktiges, mit einer anrührend tragischen Liebe und einem schwer verdaulichen brachialen Heroismus, fast 50 Solisten, ein Riesenchor und ein Riesenorchester. Schon die Entstehungsgeschichte von Prokofjews letzter, erst posthum 1959 vollständig aufgeführter Oper "Krieg und Frieden" war, gelinde gesagt, bedrückend. Zum einen schaffte Tolstois 1.500 Seiten starke literarische Vorlage, die die Liebe zwischen dem Fürsten Andrej und Natascha Rostowa mit Napoleons Krieg gegen Russland verknüpft, dramaturgisch horrende Probleme. Prokofjew und seine Librettistin Mira Mendelssohn lösten sie mehr schlecht als recht, indem sie quasi zwei selbstständige Opern (Frieden/Krieg), aufgeteilt in 13 Szenen, schufen. Zum anderen brach im Frühjahr 1941 die Realität auf erschreckende Weise in die kompositorische Arbeit ein: Nazi-Deutschland überfiel die UdSSR, Tolstois Epos schien in der Parallele von 1812 und 1941 Wirklichkeit zu werden, und die Sowjetkader forderten von ihren Kulturschaffenden bedingungslos "vaterländisches" Engagement. Prokofjew erfüllte es bereitwillig, ließ im zweiten Akt das russische Volk so siegreich wie bombastisch "Hurra" gegen die Feinde ansingen und den Individualismus auf dem Altar der Volksgemeinschaft opfern – was den Anpassungswilligen bekanntlich aber nicht vor dem hirnrissigen Bann des "bürgerlichen Formalismus" rettete. Mit Francesca Zambellos Regie vom März 2003 an der Pariser Bastille-Oper wären die KP-Funktionäre vermutlich zufrieden gewesen: so unverfänglich-brav, ohne Verfremdung oder gar ironische Distanzierung (wie sie Prokofjew insbesondere seinem Napoleon mitgab) dürfen bei ihr die adeligen Reifröcke tanzen, Napoleons Truppen respektive Kutusows Bauern und Soldaten ihre Fahnen oder Knüppel schwenken. Wozu in die Oper gehen, wenn Hollywood solchen (Pseudo-)Realismus doch weit besser kann?! Antwort: um John MacFarlanes überwältigende Bühnenbilder und die nicht minder beeindruckende, vom erfahrenen Gary Bertini souverän geführte "Musikabteilung" zu erleben, die in den Hauptrollen, insbesondere bei Nathan Gunns tragisch-glaubwürdigem Fürst Andrej, keine Wünsche offen ließ. Wobei die russische, vor allem die russische Frauenfraktion ihrem Nimbus, hochdramatische Partien am ausdauerndsten und glanzvollsten bewältigen zu können, einmal mehr gerecht wurde. Dafür zu Recht der frenetische Pariser Applaus.

Christoph Braun, 10.10.2009



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