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Johannes Brahms

Streichquartett Nr. 1, Klavierquintett

Quatuor Ébène, Akiko Yamamoto

Virgin Classics/EMI 216 622-2
(78 Min., 10/2007 u. 5/2008) 1 CD

Während man diese Aufnahme hört, sich immer mehr in sie versenkt, erscheint (natürlich nur in der Vorstellung) der Philosoph in der Tür, jenen Satz auf den Lippen, der noch Adorno und seine Schüler beschäftigen sollte: Musik, so sagte es dereinst Georg Wilhelm Friedrich Hegel, sei die Sprache der Innerlichkeit. Nun ist Brahmsens c-Moll-Streichquartett, seine erste Schöpfung in der Gattung, ja ohnehin kein Werk, das einen zu erschrecken vor uns hin getreten ist. Brahms findet hierin den Weg zu seinem Spätstil: zu jener gleichermaßen fragilen und tiefsinnigen wie weltbeständigen (und weltresistenten, ja weltrenitenten) Empfindsamkeit, die, getränkt mit leicht entflammbarem Material, unvergleichlich in der Kammermusik ist, und die noch großen Einfluss auf den "frühen" Schönberg haben sollte. Wie das Quatuor Ébène diese Musik spielt, nein: Wie es deren zarte Spinnfäden sortiert und beleuchtet, ihre verzwickten Beziehungen zueinander, das ist doch einigermaßen betörend und klingt in Teilen beinahe so, als trage Schönberg die wesentlichen Themen seiner Stücke "Verklärte Nacht" sowie "Pelleas und Melisande" einem imaginär-somnambulen Publikum vor. Sehr nahe an der Grenze zum Transzendenten wandelt diese Interpretation, von der man durchaus sagen darf, sie sei "typisch französisch", elegant und voller Esprit. Aber sie bleibt, und das ist ihr großer Gewinn, auf dieser Seite, lugt nur interessiert hinüber nach drüben. Sind schon Kopfsatz und Romanze von hohem Feinsinn der Formulierung und hauchzarten melodischen Linien geprägt, so ist das Gefühl der vier Musiker für den wiegenden Takt des Allegretto molto moderato e comodo geradezu phänomenal. Geflüsterte Intensitäten, hier werden sie hörbar. Und wie ein Schrei zerreißt danach der Beginn des Finales das ganze Gebilde: zu Ende der Traum. Und dort, in der Realität, die das Zarte in den Hintergrund drängt zugunsten einer Betriebsamkeit, die immer wieder mal hektische Züge annimmt, setzt das Klavierquintett ein. Leidenschaften werden hier, wo Brahms herber, direkter wirkt, über weite Strecken deutlicher, auch entschieden lauter zum Ausdruck gebracht. Ein kleiner Wermutstropfen ist das etwas hölzerne Spiel der Pianistin Akiko Yamamoto. Den Zauber der vier Streicher zu bannen vermag es indes nicht.

Jürgen Otten, 02.10.2009



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