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Sergei Rachmaninow, Sofia Gubaidulina, Nikolai Medtner, Sergei Prokofjew

Werke für Klavier

Anna Vinnitskaya

Ambroisie/Indigo 931402
(61 Min., 6/2008) 1 CD

Und wieder hat der liebe Gott Manna ausgestreut unter die, die da unten wohnen, auf der Erde. Seine Wahl traf eine junge Frau, die in einer Küstenstadt am Schwarzen Meer in eine Musikerfamilie hineingeboren wurde, bereits in ihrer Jugend Aufmerksamkeit erregte, seit 2002 in Hamburg lebt und an der dortigen Musikhochschule beim Sensualisten des Barock, bei Evgeni Koroliov, studiert. Vor zwei Jahren hat Anna Vinnitskaya den Reine-Elisabeth-Wettbewerb gewonnen – was viel bedeutet und auch wiederum nicht gar so viel. Es gab Sieger in Brüssel, die wurden groß, und andere, die blieben klein. Im Fall der Russin muss man abwarten. Zugegeben, sie gebietet über ein stupendes Klangempfinden, sie hat erzählerisches Talent, und eine gute Technik hat sie sowieso. Doch zeigt schon das erste Werk ihrer Debüt-CD mit Kompositionen ihrer Landsleute Sofia Gubaidulina, Nikolai Medtner, Sergei Prokofjew und Sergei Rachmaninow, die b-Moll-Klaviersonate des Letztgenannten, dass noch einiges zu schleifen (und manches Manieristische baldmöglichst abzustellen) ist. Vinnitskaya deutet die Sonate als Rhapsodie, der die Entfesselungen, das Entgrenzte fehlen. Aber damit fehlt exakt ein wichtiger Bestandteil dieses Stücks, insbesondere in den Ecksätzen: sein dramatischer Impuls. Alles erscheint unter Vinnitskayas Händen kontrolliert, ständig zerdehnt und staut ein übertriebenes Rubato die Prozesse, die doch rasch fortschreiten wollen und dies auch müssen, um plausibel zu sein. Seltsamerweise mangelt es diesen Passagen auch an der gebotenen Geschmeidigkeit. Dass Anna Vinnitskaya diese besitzt, zeigt sie vor allem in Medtners Sonata "Reminiscenza", die in Teilen sehr schön ausgehört ist und lyrisches Potenzial aufweist. Problematisch, ja enttäuschend hingegen die mittlere der "Kriegssonaten" von Prokofjew, das B-Dur-Stück. Die perkussive Triebfeder, auf der dieses Stück durch die Welt "rattert", ist, vorsichtig gesagt, bei Weitem nicht so flexibel, wie sie sein müsste. Man vermisst, im Finale "Precipitato" mehr noch als zuvor, die elektrisierende Energie, die nötige wäre, um das Stück am Leben zu erhalten. Kurzum: Man vermisst den Elan vital, der etwa das Prokofjewspiel der beinahe Gleichaltrigen Lise de la Salle so betörend durchpulst.

Jürgen Otten, 25.09.2009



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