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Kassia

Byzantinische Hymnen

VocaMe

Christophorus/Note 1 CHR77308
(45 Min., 2/2009) 1 CD

Hildegard von Bingen hat Konkurrenz bekommen: Bereits 300 Jahre vor der musikalischen Äbtissin und Naturheilkundlerin lebte in Byzanz eine komponierende Frau mit Namen Kassia. Fast wäre sie sogar Kaiserin des oströmischen Reiches geworden – hätte sie den Freier bei der Brautschau nicht mit einer schlagfertigen Replik auf eine unbedachte, frauenverächtliche Bemerkung hin bloßgestellt. Nachdem sie sich noch dazu mit ihrem Eintreten gegen die Bilderstürmer unbeliebt gemacht hatte, zog sie sich 843 in ein Kloster zurück. Hier entstanden wohl ihre 50 heute bekannten Hymnen, von denen etliche den Eingang in die orthodoxe Liturgie gefunden haben. Nicht nur vom feministischen Standpunkt aus betrachtet ist Kassia womöglich noch interessanter als die relativ papsttreue Hildegard. Wenn ein Vergleich zwischen spekulativen Rekonstruktionen mittelalterlicher Musikhandschriften überhaupt gestattet ist, dann scheinen Kassias Hymnen knapper und raffinierter konstruiert zu sein als die Werke der weitschweifigeren Mystikerin aus Bingen. Die Sängerinnen des Ensembles VocaMe haben Kassias kryptische Notenzeichen in jedem Fall stark inspiriert. Für jede Hymne finden sie einen maßgeschneiderten, historisch informierten Interpretationsansatz: Mal werden die Melodien von liegenden Bordunklängen, mal von improvisierten Parallelstimmen und dann wieder von wechselnden Instrumenten begleitet. Die Sängerinnen experimentieren mit dem Wechsel von Soli und Chor, mit Echoeffekten, feinen dynamischen Abstufungen, reizvollen Glissandi und vierteltönigen Verzierungen. Dass bei alledem weder die stilistische Einheit der Hymnen noch die schlichte Schönheit der einstimmig notierten Melodien leidet, das ist am Ende fast genauso faszinierend wie die Biografie dieser ersten bekannten Komponistin des Abendlandes.

Carsten Niemann, 28.08.2009



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