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Remembering Weather Report

Miroslav Vitous

ECM/Universal 1788137
(48 Min., 2006/2007) 1 CD

Die Entwicklung des tschechischen Kontrabassisten Miroslav Vitous erinnert an die des Regiegenies Orson Welles. Ähnlich wie dessen Erstlingsfilm "Citizen Cane" mit einem Schlag die Filmgeschichte veränderte und sein Macher für immer im Schatten dieses Werkes stand, ist es mit Vitous' erstem Album "Infinite Search" von 1969. Auf diesem machte das Kontrabassspiel den finalen Schritt in die Emanzipation. Prägend für diese Befreiung war eine kurze Erfahrung, die der 20-jährige Vitous im legendären Miles-Davis-Quintett mit den Meistern der offenen Kommunikation Herbie Hancock, Tony Williams und Wayne Shorter gemacht hatte. Zwei Jahre später nahm Vitous auf "Infinite Search" den Impuls der allgemeinen Elektrifizierung auf, hielt aber am Kontrabass und der befreiten Offenheit der akustischen Miles-Gruppe fest. Dieser Ansatz ließ ihn dann wenig später mit Wayne Shorter und Joe Zawinul die erste Ausgabe von Weather Report gründen. Der Rest ist Geschichte – ebenso wie das Zerwürfnis mit Zawinul, der die Band in Richtung Funk-Fusion pushte. Vitous’ neueste CD ist als kritischer Kommentar zur derzeitigen Weather-Report-Nostalgie zu hören. Er knüpft – nunmehr rein akustisch – an "Infinite Search" und an die erste Weather-Report-Ausgabe an. Der Trompeter Franco Ambrosetti, Saxofonist Gary Cambell, Schlagzeuger Gerald Cleaver und der Bassklarinettist Michel Portal sind seine Mitstreiter. Das Themenmaterial wird von diesem Quintett zuweilen mit spröder Klarheit auf seine Entwicklungsmöglichkeiten hin seziert. Die Ergebnisse sind dabei überwiegend – wie im Falle von Wayne Shorters "Nefertiti" – faszinierend. Der Ornette-Coleman-Klassiker "Lonely Woman" dagegen sperrt sich mit seiner monolithischen Tektonik erfolgreich gegen dieses Verfahren. Das tut aber der Überzeugungskraft von Vitous' Statement nicht wirklich einen Abbruch.

Thomas Fitterling, 24.07.2009



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