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Johann Sebastian Bach

Sonaten und Partiten für Violine solo

Viktoria Mullova

Onyx/Codaex ONYX 4040
(132 Min., 2007 u. 2008) 1 CD

Bach spielen hat Viktoria Mullova noch in Moskau gelernt, und das ist schon eine ganze Weile her. Man kann sich vorstellen, wie das geklungen hat, zumal die Geigerin im Booklet unserer Fantasie selbst auf die Sprünge hilft: breites Legato, voller Ton, permanentes Vibrato, der Bogen immer dicht auf der Saite – edel und langweilig. Irgendwann sei es ihr dann selbst aufgefallen, wie viel Bach dabei auf der Strecke bleibt, und so hat sie, inspiriert und angeleitet von einem kundigen Kollegen, noch einmal von vorn angefangen. Am Ende war ihre Begeisterung für eine alternative, historisch bewusste Aufführungspraxis so groß, dass sie für ihre Gesamtaufnahme des Bach'schen Solowerks eine Guadagnini mit Darmsaiten, einen Barockbogen und eine authentisch-niedrige Stimmung des Kammertons von 415 Hertz gewählt hat. Man freut sich, liest man das, mit der fabelhaften Geigerin auf den neuen Bach, man legt die erste CD ein und kratzt sich schnell am Kopf: Wo ist er denn geblieben, der Enthusiasmus, von dem Mullova eben noch berichtet hat? Sicher, der Bogen ist nun viel kürzer, leichter, die Artikulation variantenreich, der Ton in vielen Schattierungen eingefärbt, und bei Wiederholungen ranken sich hin und wieder schöne Verzierungen um den Notentext. Und natürlich ist Viktoria Mullova, wie eh und je, technisch immer auf der sicheren Seite. Doch war der Unterricht in Moskau dereinst entweder zu fundamental oder die Sache mit dem neuen Bach braucht einfach noch mehr Zeit, um zu sacken. Jedenfalls kommt man nicht um den Eindruck herum, Mullova denke beim Spielen ständig über das gerade Erlernte nach. Kaum irgendwo nämlich verlässt dieser Bach den Boden, er tanzt in den Suiten mit allzu schweren Beinen, schlurft manchmal sogar, kommt kaum in Schwung, und er kann sich in den langsamen Sätzen etwa der Sonaten auch nicht in jene himmlischen Höhen schrauben, die er im Idealfall ja doch zu erreichen vermag. Zudem fehlt es an überzeugender Gliederung, an deutlicher Interpunktion, an der zündenden Idee, an brennender Emphase in all der Klangrede. Was will uns diese Musik, dieser Bach sagen? Eine Antwort auf diese Frage hat Mullova vor Jahren verworfen, eine neue, die wirklich überzeugt, bleibt sie bislang schuldig.

Raoul Mörchen, 03.07.2009



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