"Der Himmel weiß, wie gerne ich Sie aus dem leidigen Biberach ziehen möchte", schrieb Christoph Martin Wieland 1784 an Justin Heinrich Knecht (1752-1817). Wieland war in seiner Jugendzeit am Hof des aufgeklärten, kunstliebenden Grafen Stadion auf den talentierten Komponisten aufmerksam geworden. Die Erlösung aus Biberach scheiterte: Knecht erhielt zwar 1807 eine probeweise Berufung an die Stuttgarter Hofkapelle, konnte aber als Dirigent nicht überzeugen. In die gleiche Zeit fällt die Komposition seines ehrgeizigsten Werks, der Oper "Die Aeolsharfe oder Der Triumph von Musik und Liebe", mit der Knecht ebenfalls scheiterte: Für die damalige Bühne ist das ungekürzt fast vierstündige Werk schon wegen seiner Länge und seiner statischen Handlung völlig ungeeignet. Jetzt hat Frieder Bernius der Oper zumindest konzertant zu ihrer verspäteten Uraufführung verholfen. Zu Recht: Das zwischen Klassik, Empfindsamkeit und früher Romantik stehende Werk, dessen vor idealistischer Rhetorik strotzendes Libretto eine Mischung aus "Zauberflöte" und "Entführung aus dem Serail" versucht, hebt sich gerade wegen seiner individuellen Mischung aus Größenwahn, Naivität, Talent und einem Funken Genie von zahllosen Routineopern der Zeit positiv ab.
Knecht verfügt über eine gute melodische Begabung und eine flüssige kontrapunktische Technik. Beides weiß er in den zahlreichen Ensembles, die bis hin zum Nonett reichen, schlüssig zu verbinden. Vor allem aber ist er besessen von romantischen Klangfarben: Geradezu exzessiven Gebrauch macht er von den Bläsern, die oft ganze Arien allein begleiten und selbst das Spiel der Äolsharfe imitieren. Auch wenn die Bläser der Stuttgarter Hofkapelle nicht über die einzigartige Ensemblekultur des Kammerchors Stuttgart verfügen, und auch wenn man den Tenor Markus Brutscher lieber in der Hauptrolle des Selim anstatt in einer Nebenrolle erlebt hätte, wird der Mitschnitt der Uraufführung durchaus zu einem starken Plädoyer für eine Oper, wie sie nicht im Schulbuch steht.

Carsten Niemann, 29.05.2009



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