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New York Days

Enrico Rava

ECM/Universal 1772715
(78 Min., 2/2008) 1 CD

Enrico Rava ist einer der ganz großen Lyriker der Trompete. Auch in den turbulenten Sechzigerjahren hat er das Primat des Melodischen nie aufgegeben. Während der letzten Jahre ist der 65-Jährige immer mehr zu einem Großmeister der Entschleunigung geworden. "New York Days" ist ein besonders schönes Beispiel für diese Entwicklung, und die Besetzung könnte kongenialer nicht sein. Am Klavier sitzt sein langjähriger Partner Stefano Bollani, gewissermaßen ein feinsinniger Roberto Benigni der Tastenkunst, am Schlagzeug schafft Paul Motian, dieses Genie der minimalistischen Abstraktion und Implikation, traumhafte Freiräume, die Bassist Larry Grenadier behutsam vital verankert. Der junge Tenorsaxofonist Mark Turner ist dem Trompeter Kontrastfolie und gleichzeitig ebenbürtiger Widerpart, wie dies einst Wayne Shorter dem großen Miles Davis war.
Überhaupt erinnern diese "New York Days" einerseits an die europäischste Phase aus Miles Davis’ Schaffen in der Filmmusik zu "Fahrstuhl zum Schafott" und andererseits an die feinnervig offenen Aufnahmen von "Miles Smiles" oder "Sorcerer", wobei man sich eine Zeitreisenmetamorphose der Musik vorzustellen hätte: die High-Speed- und High-Energy-Spielweise des späteren Davis-Quintetts hätte dabei eine grandiose Reduktion und Entschleunigung erfahren und neue, wunderbare Strukturen in der Tektonik dieser Musik erlebbar gemacht. Das Beglückende dabei: Dieses Erleben ereignet sich beim Hören von "New York Days" ganz und gar real und nicht etwa als simple historische Reminiszenz. Dieses Album ist das aktuelle und konkrete Geschenk einer Sternstunde der Musikproduktion im Hier und Jetzt. Schade nur, dass Paul Motian nicht mehr reisen will, und so der Zauber dieser Musik in Europa live nicht zu erleben sein wird.

Thomas Fitterling, 19.03.2009



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