Semele, indogermanisch die "Anschwellende", ergo Schwangere, Mutter des Dionysos/Bacchus, wird eben dies durch ihren heimlichen Geliebten, den alten Schwerenöter Zeus/Jupiter. Nicht unbedingt ein passender Stoff für ein Oratorium, auch wenn die Moral von der Geschicht‘ dazu taugen mag: Juno, ihres Zeichens Jupitergattin und Schutzgöttin der Ehe, rächt sich, wenn auch nicht gerade mit lauteren Mitteln, an der allzu glückseligen und schließlich übermütig werdenden Ehebrecherin; wodurch zu guter Letzt deren Schwester Ino Athamas, Semeles ehemaligen Verlobten (und ihren heimlichen Geliebten) abkriegt. Tragik und Happy End liegen nahe beieinander in diesem Bühnenzwitter. Empört rief mancher Zeitgenosse: "Obszöne Oper!", so dass sich Händel zum windigen "Oper nach der Art eines Oratoriums" durchrang – ohne Erfolg. Der blieb "Semele" von der Londoner Uraufführung 1744 an bis in unsere Gegenwart versagt. Erst als man neben dem Oratorienherrscher auch das Operngenie und insbesondere dessen ironische Brechung der allzumenschlichen Göttersagen als Gesellschafts(tragi-)komödien moralinfrei goutieren konnte, war die Zeit reif für "so eine" wie Semele (oder auch Monteverdis Poppea).
Auch Robert Carsen ließ sich, wen wundert‘s, im Januar 2007 im Zürcher Opernhaus nicht lumpen. Mit Geist und Witz setzte er der dreiaktigen Story etliche Pointen auf. Vom slapstickartigen Duo Juno-Iris (Monty-Python-verdächtig: Isabel Rey als Bad-News-Überbringerin, Birgit Remmert als Queen-Mum-Furie, die "not amused" ist über Semeles Erfolg beim Göttergatten) über den geradezu tragisch verstrickten Bettgefährten Jupiter Charles Workmans bis zu einer Cecilia Bartoli, die ihre selbstverliebte Spiegelschau wie ihren schmerzerfüllten Hybriswahn in einem gurrend-vibrierenden Sechzehntelrausch und fiebrigen Schlußlamento zelebriert, wie es begeisternder nicht sein könnte: Diese hautenge Korrespondenz von Partitur und Schauspielkunst muss auch letzte Zweifler am Sinn von DVDs, also gefilmten Opern, überzeugen. Zumal auch die Zürcher Choristen nichts mehr gemein haben mit den behäbigen Bühnenstatisten früherer Zeiten. Über allem thront, besser: wuselt (am Cembalo und mit den Armen) William Christie. Seine jahrzehntelange Erfahrung hat uns, auch wenn nicht alle Rollen (wie etwa Athamas oder Ino) mustergültig besetzt sind, einen Vorzeige-Händel beschert: ebenso hinreißend festlich wie menschlich-anrührend. Zweifellos ein Highlight im Händeljubeljahr.

Christoph Braun, 14.03.2009



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